Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Da mich des Lebens düstrer Kreis umfing...
Schobers Worte und Schuberts Musik umfingen ihn
tatsächlich, schlossen den Rest der Welt aus und ihn ins Reich der Töne ein.
Wann hatte er das Lied zum ersten Mal gehört? Er wusste es nicht mehr. Nein –
er wusste es doch noch, nur konnte er dem Wissen nicht beikommen. Schon Platon
(oder Sokrates, wenn man es so haben wollte) hatte das Gedächtnis als einen
großen Käfig beschrieben, in dem die einzelnen Erinnerungen wie Vögel
herumflattern. Die Kunst ist, sie zu fangen, und zwar gerade diejenige, die man
im Augenblick haben will. Komplizierter noch ist die Tatsache, dass sie wie
Jagdfalken lange Bänder tragen, die miteinander verwickelt werden, so dass man
nicht bloß eine Erinnerung in Händen hält, sondern eine ganze Reihe, die
man als unentwirrbares Knäuel aus dem Käfig zieht und dann doch schließlich zu
entflechten hat.
Aber aufgenommen und registriert wurde ja alles –
unauslöschbar, wie auf CD. Ja, dachte er, da war ja doch ein Stück Fortschritt,
das man wirklich als solches bezeichnen und gutheißen konnte. Unauslöschbare
Vergangenheit, als Licht eingefangen, durch Licht wieder lesbar. Alles, auch
die kleinsten Nebengeräusche, verewigt.
Die Musik hatte immer sehr viel für ihn bedeutet.
Schon als Kind hatte er seine Freude an Mendelssohns Liedern ohne Worte gehabt
und es war ein Schmerz, an den er sich noch erinnern konnte, als es ihm
verboten wurde, sie zu spielen. Verbrannt wurden sie natürlich nicht – so
doktrinär waren seine Eltern auf keinen Fall – aber die Noten verschwanden in
irgendeine tiefe Truhe und wurden vermutlich wie das Meißner Service und die
Biedermeier-Möbel vom Volltreffer im Jahre 1944 vernichtet, wie alle
materiellen Reste seiner Kindheit und Jugendjahre.
Aber die Musik hatte ja nicht jüdisch geklungen.
Jüdische Musik gab es ganz gewiss, das wusste er – aber Mahler war doch nicht
dazu zu zählen, obwohl er ihn im großen und ganzen nicht mochte, abgesehen von
den langsamen Sätzen und dem Waldesrauschen der ersten Symphonie.
Nein, Bruckner war sein Fall. Bruckner hatte ihn
immer berauscht und erhoben, wie Wein, Bruckner hatte immer in ihm eine
feierliche Stimmung hervorgerufen. Auch die Minna hatte immer Bruckner gemocht.
Es war in der Pause eines Bruckner-Konzertes – nein, eigentlich zwischen zwei
Sätzen – dass sie ihm das Ja-Wort erteilt hatte, in der Stille, als man mit
Widerwillen hörte, wie die Bomben in Alt-Moabit niedergingen. Während der Musik
hatten diese Geräusche irgendwie als Teil der Schlagzeuginstrumentierung
mitgewirkt, dumpfe Echos der Schicksalsschläge der Pauken. Aber in der Stille
zwischen den Sätzen, als der Zauber der Musik zeitweilig nachgelassen hatte,
wirkten sie entschieden anders und störend.
Ja, ja, durch Bruckner waren sie zusammengekommen,
dank Furtwänglers glänzenden Interpretationen, und ihr Zusammensein hatte fast
fünfzig Jahre gedauert, fast so lange wie eine Bruckner’sche Symphonie oder
eine Wagner’sche Oper... im subjektiven Zeitmaß, versteht sich... Die Musik
hatte sie zusammengebracht, hatte Bahnen für die tieferen Gefühle aufgebrochen,
so dass sie zusammenfließen konnten...
Wer die Musik nicht kannte, hielt sie für
verweichlichend, wie zum Beispiel jener Offizier, sein Vorgesetzter in
Warschau, damals, als er die Kanzleistelle im polnischen Generalgouvernement
hatte, bevor sein Vater noch bessere Beziehungen anknüpfen konnte. Wie hatte er
nur geheißen? Konnte er sich nicht mehr erinnern? Wollte er sich nicht mehr
erinnern? Das war ja wahrscheinlicher. Der Mensch hatte ihn ja ziemlich
schlecht behandelt, hatte ihn überall herum mitgeschleppt, hatte ihn gezwungen,
an Aktionen teilzunehmen, die vollkommen außerhalb seines Kompetenzbereiches
lagen, wie z.B. – nein, daran wollte er sich überhaupt nicht erinnern. Er
wollte bei der Musik bleiben, auch wenn er die Bomben dabei mit anhören musste,
auch sie auf CD verewigt, weil sie ja unbedingt zum Erlebnis gehörten und
eigentlich nicht auszuschließen waren.
Es spielte jetzt ein anderes Schubert-Lied. Es war Erlkönig.
Er hörte ‘Nacht und Wind’ und das Trommeln der Hufe im Klavier. Aber auf einmal
war es nicht mehr das Klavier, das er hörte, sondern das unregelmäßige Hämmern
eines Motors, das gegen Schmutz im Benzin kämpfte aber immer noch seine
Schuldigkeit tat und sie immer weiter in die gottverlassene polnische
Sumpflandschaft hineinbrachte. Die kleinen, schmutzigen, baufälligen Dörfer
waren kaum von den zufälligen Erhebungen des Bodens zu unterscheiden.
Lehmfarben die Gebäude, lehmfarben die Menschen, lehmfarben der Himmel, ob von
Natur, denn der feuchte polnische Winter fing gerade an, oder von kaum
sichtbaren Rauchschwaden aus den noch schwelenden Trümmern, war nicht zu
unterscheiden.
Waren das tatsächlich Menschen, fragte man sich, die
so lebten? Eine andere Frage lauerte dahinter, die er sich nicht zu stellen
wagte: waren das tatsächlich Menschen, die diese Menschen so leben ließen?
Sein Vorgesetzter fuhr. Er hatte offensichtlich
seine Freude daran, denn er konnte persönlich die Fußgänger erschrecken und in
den Straßengraben zwingen, besonders die älteren und schwangeren Frauen, die
mit den spärlichen Resten der Kartoffelernte nach Hause humpelten, in Schuhen,
die man in Friedenszeiten, auch in den ärmsten Gebieten, längst nicht mehr
getragen hätte. Wen er vom Weg nicht scheuchen konnte, den spritzte er durch
geschicktes Fahren vom Kopf bis Fuß mit Straßenkot an, und lachte dabei, ein
herzhaftes, gutmütiges, selbstzufriedenes Biedermannslachen, das von einem
guten Gewissen herrührte und gar nicht hämisch klang.
Jetzt spielte ein anderes Schubert-Lied, aber das
half nichts. Es war Der Zwerg, eine grausame Geschichte der
irrationellen und selbstzerstörerischen Rache, deren Vertonung man dem ständig
lächelnd abgebildeten Schubert nicht zugetraut hätte. So war es – die CDs
dauerten manchmal zu lang, hatte man sie eingeschaltet, musste man sie zu Ende
hören, wenn man die Fernbedienung nicht finden konnte. An die Programmierung,
an das Auswählen der schönen Stellen und die Unterdrückung des Unerwünschten
hätte man schon früher denken müssen. Jetzt war es zu spät. Jetzt musste alles
seinen Lauf nehmen. Ach, die Vier-Minuten-Seite hatte doch ihr Gutes gehabt!
Sie hielten vor einer der Hütten. Die vier Soldaten,
die hinten mitfuhren, sprangen ab und schlugen mit ihren Gewehrkolben an die
morsche Tür. Es war keine Aufforderung, sie zu öffnen, sondern ein Angriff,
denn die rostigen Angeln versagten und die Tür selber fiel ins Zimmer hinein.
Sein Vorgesetzter schritt befehlshaberisch zwischen die Soldaten, die noch vor
der Öffnung blieben und wie eine Ehrengarde wirkten, in die Hütte ein und
postierte sich auf die umgefallene Tür, als ob sie ein Feldherrnhügel wäre.
“So kann man wenigstens seine Stiefel rein halten,
wenn man mit solchen Kunden zu tun hat,” sagte der Vorgesetzte. Er winkte
seinen Untergeordneten, der scheu und zaghaft nachgekommen war, zu sich.
Was er in der Hütte sah, war ein Genrebild der
niederländischen Schule. Weil er sich nicht bloß für die Musik, sondern auch
für die Kunst interessierte, erkannte er sofort, worum es ging. Es war eine
jüdische Hochzeit, wie Rembrandt und andere sie gemalt hatten. Von dem zu
erwartenden Prunk, mit dem man dieses große Fest des Lebens würdig zu feiern
pflegte, war selbstverständlich nicht mehr viel vorhanden – aber wenigstens
genug, um zu zeigen, wie hoch man es einschätzte. Genug, allenfalls, um den
Spott seines Vorgesetzten zu reizen.
“Was?” sagte dieser. “Sie wollen sich noch
vermehren? Und zwar mit göttlicher Erlaubnis und priesterlicher Segnung? Da
wird der Staat doch noch ein Wort dreinzureden haben, und dessen
Bevollmächtigter am Ort bin ich!”
“Natürlich,” sagte der Rabbi, hervortretend. “Sie
können ja tun und lassen, was sie wollen, verbieten und erlauben, wie es Ihnen
gutdünkt. Aber wir fügen uns ja den derzeit geltenden Gesetzen und haben diese
Zeremonie angemeldet, gemäß den Verordnungen, sonst hätten Sie nichts davon
gewusst, denn wir haben Sie ja nicht als Hochzeitsgast zu uns eingeladen.”
“Ganz recht,” sagte der Vorgesetzte. “Es geht ja
eigentlich um die Musikverordnungen. Ich habe hier den zuständigen Beamten für
Musiksachen mitgebracht. Der soll sehen, dass etwaige Musik- und
Tanzaufführungen innerhalb der vom Staat genehmigten Grenzen verablaufen. Tun
Sie Ihre Schuldigkeit!”
Wie von ferne klang die Stimme eines Soprans. Sie
sang gerade keines von den beruhigenden Schubert-Liedern, sondern die Szene aus
Faust, Im Dom, wo das schwangere Gretchen der Totenmesse für ihre
verstorbene Mutter beiwohnt, und vom Bösen Geist mit voller Richtigkeit des
Muttermordes angeklagt wird.
Es
war ihm klar, dass irgendeine Bluttat geschehen sollte. Er hatte schon davon
munkeln gehört, von Dörfern, die es einfach nicht mehr gab. Von Einsatzgruppen.
Von Leichenhaufen. Er wollte kein Teil davon sein. Aber wenn er sich weigerte,
könnte doch Schlimmeres geschehen, davon war er überzeugt. Die vier Soldaten
standen immer noch mit ihren Waffen vor der Tür. Da hatte er einen Einfall. Er
wusste sogar genau, woher er es hatte: aus Karl May. Ach, dachte er in der
Jetztzeit, als er seinem damaligen Selbst zuschaute, man liest zwar die
erbauende Jugendlektüre, aber es sind leider Gottes immer die Bösewichte, die
man sich als Vorbilder nimmt.
“Musik
ist da,” sagte er, indem er versuchte, einen Befehlston anzuschlagen, “da
müssen wir ja für den Tanz sorgen.”
Und
die Musik war tatsächlich da. Zwei uralte Greise standen hinten im Zimmer und
versuchten sich unsichtbar zu machen. Der eine versteckte eine Klarinette in
den Falten seines Gewandes, der andere hielt eine Geige hinter seinem Rücken.
“Spielt
auf, Leute,” sagte er, und zog seine Pistole. Schüsse mussten abgegeben werden,
es würde nicht ohne abgehen. Er musste dafür sorgen, dass die Schüsse niemanden
trafen. Sie würden schließlich gut zu der Klezmer-Musik passen, eine
rhythmische Würze geben.
Sein
Vorgesetzter lächelte. Er bemerkte es mit Zufriedenheit. Vielleicht würde alles
doch gut ablaufen. Die jüdische Weise erklang, ganz fröhlich, ungeachtet der
Umstände.
“Jetzt
muss der Brautvater tanzen,” sagte er, und zielte nach den Füßen des älteren
Mannes. Als er genau hinschaute, sah er, dass es doch wahrscheinlicher der
Großvater der Braut war, der Vater steckte vermutlich in der Gefangenschaft,
oder in einem Arbeitsbataillon oder war bei den Kriegshandlungen ’39
umgekommen. Immerhin – er konnte nicht zurück. Er schoss. Der Mann begann zu
hüpfen. Die Musiker spielten frenetischer, als wollten sie ihm helfen, höher zu
springen. Er schoss wieder, noch einmal, noch einmal, in längeren Abständen,
bis seine Pistole leer war und er sie senken konnte. Da brach der alte Mann auf
einmal zusammen und fiel um. Die Musiker blickten nicht nach dem Brautvater,
sondern nach ihm, dem jungen deutschen Offizier. Er winkte mit dem leeren
Revolver und sie stellten ihr Spiel ein.
Der
Rabbi hatte sich über den Brautvater gebeugt. “Sein Herz war zu schwach,” sagte
er ausdruckslos und schloss die starren Augen des Toten.
“Ja,
ja,” sagte der Vorgesetzte, “Freude ist nichts für die Juden, so was können sie
eben nicht ausstehen.”
“Freude
ist besser als Hass,” sagte der Rabbi, obwohl es nicht klar war, an wen seine
Bemerkung sich richtete.
Er
hatte salutiert, das wusste er noch, er hatte stramm und vorschriftsmäßig
salutiert und sich dann wieder zum Fahrzeug begeben, wo er seinen Platz im
Passagiersitz einnahm und die Ohren mit den Händen bedeckte. Was drinnen
geschah, wollte er nicht wissen, weder damals noch später. Er wollte nicht
wissen, ob er dazu beigetragen oder etwas Schlimmeres verhütet hatte. Das
Hämmern des Motors wich aus seinen Erinnerungen und machte den begleitenden
Figuren von Schuberts Seligkeit Platz, dem ein leises Surren folgte, an
dem er erkannte, dass die CD zu Ende war.
“Und
wie war’s?” fragte sein Enkel, der gerade ins Zimmer trat. Die CD war ein
Geschenk von ihm, da er wusste, wie sehr sein Großvater an der Musik hing. “Ich
habe die Auswahl selber getroffen, weißt du, heutzutage kann man selber CDs
brennen, auf dem Computer, was man nicht hören will, muss man eben nicht hören,
ist das nicht ein Fortschritt?”
Der
Großvater nickte.
“Und
jetzt spiele ich dir etwas anderes. Es ist die Musik für unsere Hochzeit, weißt
du. Nadja und ich, wir wollten etwas Apartes haben, etwas Außerordentliches
aber doch etwas Passendes. Etwas Ethnisches, eigentlich.”
“Aber,
aber, aber!” sagte der Großvater. “Deutsch ist auch ethnisch! Die Deutschen
sind ja auch ein Volk! Und es gibt sehr gute deutsche Komponisten! Wie wäre es
mit dem Marsch aus Sommernachtstraum?”
“Ach,
nicht schon wieder Mendelssohn, Großpapa! Vielleicht hattest du das,
aber...”
“Nein,
wir durften nicht – Lohengrin musste es sein – aber immerhin – ”
“Höre
doch, höre doch – ” und er schob die CD ein und drückte die Knöpfe.
Klarinette
und Geige erklangen, und eine Weise, die ihm sofort bekannt vorkam. Ein Gefühl
durchströmte ihn auf einmal, ein Gefühl der Freude. Jawohl, das war die
richtige Musik für eine Hochzeit, das war Musik, zu der man überhaupt tanzen
musste, man konnte nicht widerstehen. Er sprang auf und warf sich her und hin,
wie wild, höchstens eine Minute lang, bevor es ihm rot und schwarz vor den
Augen wurde und er niederfiel.
“Tja,”
sagte der noch zitternde Enkel zu dem schnellstens herbeigerufenen Arzt, der
nur mehr den fast sofort eingetretenen Tod konstatieren konnte, “Ich habe
einfach nicht gewusst, dass die Musik eine so große Wirkung haben konnte.”
9.00-12.20 27.iii.2002