DER LIFT
Was ist es? Wo wollen Sie hin? Ah, ja, natürlich wollen Sie da hinauf, damit Sie wieder runter können - eh klar, eh klar - aber jetzt is eben Mittagspause, schauen Sie - deswegen - deswegen sein S' hierherkommen, weil's Mittagspause is, und die andern sein alle essen gangen - in die Hotels und in die Bars - ja, da is es allerdings möglich - es kommen eh fast keine zu mir - der Lift liegt ja mitten drin, zwischen den Ortschaften, da muß man zu Fuß, und das wollen die wenigsten, mit den Schiern und so, das is für die Städter ein weiter Weg, und nicht angenehmer durch die Autos - ich erinnere mich noch an die Zeiten, wo - natürlich erinner' ich mich, was hab' ich denn sonst zu tun? Es kommen die Schulkinder, ab und zu, nach der Schule, auf dem Nachhauseweg, rauf, runter, ein paar Mal, manchesmal so ein kleines Wettrennen, mit eim bißchen bösen Willen dabei, denn ernst kann's nicht sein, nicht bei einem so kleinen, flachen, einfachen Ablauf. Ich will Sie ja nicht beleidigen, aber schließlich is das hier so nur für Kinder - nit einmal für unsere Kinder, die können's eh besser, sobald sie überhaupt stehen können.
Kann sein, daß die Kinder
dadurch was verpassen, nämlich daß sie's schon können. Das Lernen hat etwas Besonderes an sich,
etwas ganz Besonderes. Zuerst meint
man, man könnte es nie machen, es geht schief, ständig schief, dann hat man auf
einmal eine kleine Einsicht, so ein Zipfelchen von einer Ahnung von einer Idee,
wie ein kleiner Faden, an den man ein Spagat angebunden hat, an den man ein
Seil angebunden hat, und man zieht daran und man kann's auf einmal. Aber dann weiß man nicht mehr, wie das war,
als man's nicht konnte. Und das
is dann das Schreckliche, denn wie kann man's jetzt irgendjemandem beibringen,
wenn man vergessen hat, wie es früher war?
Die Lehrer sind schon die Experten, und das is der große Fehler, denn
die wissen schon ausführlich, wie man's macht, aber leider nicht, wie man's nicht
macht. Unzählige Möglichkeiten des
Irrtums - und nur der eine, einzelne, einzige richtige Weg. Die Lehrer - die ganz jungen - glauben, daß
es genügt, wenn man selber was kann, aber das stimmt überhaupt nicht - oder
doch: es stimmt für die, die einfach vom guten Beispiel lernen
können. Die unterrichtet man nicht, die
lernen einfach, man muß ihnen nur was zeigen, sie kapieren's sofort,
machen es nach, erledigt. Manchmal muß man ihnen erklären, was man
macht oder warum man es macht, wenn es nicht auf den ersten Blick zu sehen ist,
denn die sind ungeduldig, die schnell Lernenden - vor ihnen kann man nicht
großtun mit Geheimnissen, sie durchschauen alles über kurz oder lang, und da is
es besser, sie sind einem für die vermittelten Kenntnisse dankbar, als daß sie
einen zuerst bewundern und dann über einen spotten, weil sie den besonderen
Trick jetzt von selber schon heraushaben.
Das Wissen, die Kenntnisse,
das ist eine Sorte von Geld, die nicht bei jedem im Beutel bleibt. Ich mein', es gibt schon Leute, die wissen,
daß sie nix wissen können - von mir aus, daß sie nit schifahren können. Schön, sollen sie's nicht machen, wer
zwingt sie dazu? Sollen sie halt im
Wirtshaus bleiben, Spaziergänge machen, den Winter hübsch in der Stadt verbringen. Die mag ich - die Leute, die wissen, woran
sie mit sich selbst sind, und die bereit sind, das anzuerkennen und
zuzugeben. Aber dann gibt's die
anderen. Die glauben, daß man das
Wissen kaufen kann, pfundweis, nach zehn Stunden Unterricht muß jeder
gleich weit fortgeschritten sein: Zeit ist Geld, Geld ist Wissen. Die wollen nicht lernen, die wollen unterrichtet
werden - aber ohne die Disziplin, ohne den Stock des Lehrers, ohne die
Furcht. Und mit der Furcht is es auch
nix. Am besten wär's, man könnte
solchen Leuten das Schifahren mit einer Spritze einflößen - in den Hintern -
mit einer stumpfen Nadel.
Bei solchen ist es egal, ob
der Lehrer jung oder alt is - diplomatisch muß er sein, lobhudelnd sogar,
arschleckerisch. Gleich und gleich -
gesellt sich gern. Die lernen nicht,
weil es ihnen Spaß macht, sondern weil sie sich durch diese besondere Fähigkeit
auszeichnen wollen - und die Lehrer,
die sie bekommen, sind eben solche, die stolz darauf sind, daß sie alles besser
können, und ihre Arschkriecherei is eine Herablassung, aber das merken die
anderen nicht, denn die wollen sich für Ebenbürtige halten, die wollen diese
unausstehlichen Gespräche führen, wo es von technischen Ausdrücken nur so
wimmelt, wo sie die Namen ständig fallen lassen: Schisorten, Bindungen, Pisten
in Frankreich und in der Schweiz, große Schiläufer, alles durcheinander, bis
man nicht mehr weiß, ob man auf, mit neben oder nach Killy - Die Gruppen bilden sich, die Mitglieder
bestätigen einander. Es wird nichts anders.
Die guten Lehrer aber sind
solche, die schon längst wissen, wie man's machen soll und kein Interesse daran
haben, sich vor anderen zu produzieren und zu zeigen, wie schön man's kann -
junge und jüngere wird's ständig geben, die mehr wissen werden, mit jüngeren
Jahren, gelenkiger, biegsamer, kräftiger, mit mehr Ausdauer, Eleganz, Schwung -
was bleibt also, was noch lernenswert wäre?
Wie man's nicht macht.
Das is das weiteste Feld. Wenn
man das versteht, kann man erst recht den Leuten was beibringen. Richtige Kenntnisse setzen ein Verständnis
der Unkenntnis voraus.
Aber Sie wollten doch ---
und hier stehe ich und plaudere und plaudere - Mittagspause is schon vorbei,
vorbei, macht nichts, ich ess' ruhig mein' Semmel und schau' zu - ich setz' die
Maschinerie in Gang --- so - so - aber nein, das darf nicht wahr sein - das
erste Mal in diesem Jahr, seitdem man's erneuert hat - ich ruf halt an - in die
Zentrale - es dauert aber - der Ingenieur is halt oben, weil dort die Lifts
mehr gebraucht werden - früher hab' ich immer so einfach mit der Hand winken
können und er hat mich gesehen. aber jetzt hat er dieses drahtlose Telefon und
da schaut er nicht mehr hin, da hört er nur mehr auf das Geklingel - das is der
Fortschritt.
So, setzen Sie sich, warten
Sie, lang wird's nicht sein. Schauen
Sie sich die Landschaft an - haben Sie die Landschaft gern? Im Sommer auch? Aha, Sie sind im Sommer nie da? Schade - dann sehen Sie das ganze erst recht - aber es ist ja
meistens so: Wintergäste und Sommergäste, und die einen und die anderen meinen,
daß ihre Ansicht die einzige und die richtige sein muß. Der Schnee vereinfacht, sehen Sie - er bedeckt und verwischt, er gibt die
schwungvollen Konturen und man meint, so müsse die Landschaft sein, so klar, so
rein, so gewölbt, mit sanften, glatten Abhängen. Aber da sieht man am Rande den Schlamm, und da weiß man, daß es
nicht so ist, daß der Misthaufen unter dem Schnee noch fortbesteht. Der Sommer ist nicht so reinlich, nicht so
ordentlich, nicht so reibungslos. Es
kommen die Fliegen, es kommen die Gelsen - sogar in dieser Höhe - und da muß
man gehen. Ein Schilauf von einigen
Minuten dauert Stunden. Es ist alles
anders. Aber eigentlich ist es dasselbe. Nur wir haben eine andere Einstellung dazu.
Die Wintergäste würde es
stören, wenn sie denken würden, daß sie über die Felder wegschlüpfen, und die
Sommergäste empfänden es als irgendwie entweihend, wenn sie den langen
Gebirgsweg so schnell zurücklegen könnten, wie man's im Winter macht. Die einen wollen darüber weggleiten, die
anderen wollen sich damit auseinandersetzen - aber auch das ist nur im Urlaub.
Ich? Na, ich wohne ja hier - und da
meinen Sie, ich hätte erst recht keine Augen für das, was hier vorgeht? Weil ich mich schon in die Landschaft
eingelebt habe? Weil die Veränderungen
so langsam geschehen sind, daß ich sie nicht mehr registriere? Kann sein - aber ich erlebe die
Veränderungen - diese Landschaft ist nicht so einfach ein Hintergrund für mich,
es ist ja meine Welt - ach ja, da haben Sie recht, es ist auch das, was wir den
Fremden bieten, was wir den Fremden verkaufen, wenn Sie wollen, aber der Bauer,
der sein Heu verkauft, weiß auch, daß der Boden ihm nächstes Jahr das gleiche
tragen wird. Der Schnee kommt, und
dann sehen wir nicht mehr die Spuren des Sommers, und dann kommt der Sommer,
und wir sehen nicht mehr die Spuren des Schnees. Und dann gibt's weit, weit oben die Gurgler Ferne, die schmilzt
nicht, aber die ist jedes Jahr neu.
Sehen Sie, wir haben das
Glück, daß unsere Straße nirgends hinführt - im Sommer schon, aber im Sommer
gibt's andere, bessere, kürzere, schnellere Wege nach Italien, und die
Italiener haben ihre eigenen Berge.
Wir sind ja so abgeschlossen, und das is schön, wenn man's aushalten
kann. Wer käme schon herein zu uns,
wenn's nicht die Feriengäste wären, und das sind keine richtigen Menschen - na,
verzeihen Sie, aber was ich da sage, was ich da meine - sehen Sie, Sie suchen
etwas, ich weiß nicht was: Zerstreuung, Entspannung, Schönheit, Spannung, den
weißen Rausch - Sie glauben, Sie werden's hier finden, aber Sie finden's nur,
wenn Sie's selber mitbringen - unsere Landschaft ist schließlich neutral, daß
is das Schöne dran - Sie tragen das in die Landschaft hinein, was sie darin
finden wollen. Wo Sie herkommen, da is
alles schon vorherbestimmt, da sind Straßen, Häuser, Volk - hier bei uns finden
Sie Schnee, und die Spuren darin machen Sie.
Oder Sie kommen im Sommer, und Sie finden dann die Wanderwege, die sind
schön markiert, aber erst die Wanderer geben ihnen den Sinn. Diese Feriengebiete gibt's gar nicht - die
existieren nur in den Köpfen der
Besucher, und in jedem Kopf in einer anderen Form. Hier schmeckt das Bier besser, weil es
woanders is, und hier haben Sie die Freiheit, Ihre Träume zu träumen. Nicht zu Ende. Träume werden hier nicht verwirklicht, denn das gibt's nicht:
die Wirklichkeit ist kein Traum.
Leute, die hierher ziehen, kommen ziemlich rasch zu der Einsicht, daß
sie den einen Alltag gegen einen anderen eingetauscht haben. Wir verkaufen Ihnen Ihren eigenen Traum,
und der ist wie eine Seifenblase, bunt, in sich selbst geschlossen und von
beschränkter Lebensdauer: empfohlene Aufbrauchsfrist...
Das Schwierige für uns also
ist nicht, daß wir von Touristen überschwemmt sind - denken Sie an Berlin, an
Ihre eigene Stadt - da gibt's genausoviele Leute, und die lassen sich
genausogut in eine gewisse Ordnung einteilen: Stoßzeiten morgens und abends,
Mittagspausen - wenn man die Zeit gut wählt, hat man die Berge für sich,
besonders gerade vorm Sonnenuntergang, wo die meisten beim Après-ski sind. Nein: das Schwierige ist das Gefühl, daß es
für uns keine Traumwelt gibt. Stellen
Sie sich das vor: alle Welt kommt zu uns - wenigstens einmal im Leben macht jeder
einen Urlaub in den Bergen: es ist das Wünschenswerteste. Was bleibt aber uns übrig, das
wünschenswert wäre? Die Berge, die
haben wir so schon. Und alles andere
kann nicht von Belang sein - hören wir's doch von allen Besuchern, wie sehr sie
uns beneiden - schade, daß wir uns nicht selber beneiden können. Was bleibt uns für ein Ideal, für einen
Traum, jenseits vom Alltag? Nur der
Alltag wieder. Von den großen Städten
wird erwartet, daß die Straßen mit Gold gepflastert sein sollen - bei uns im
Winter mit Schnee und im Sommer mit Enzian und Edelweiß.
Ja, wie soll man's
aushalten? Die Leute kommen alle zu
uns, und erleben ihr blaues Wunder - Urlaub, Ferien - die Freiheit einmal im
Jahr. Und von uns wird verlangt, daß
wir diese Freiheit teilen - oder wenigstens, daß wir die Stimmung nicht stören,
durch sauertöpfisches Benehmen oder so.
Es sollte bei uns schon Unterricht im Lächeln geben. Haben Sie je bemerkt, wie die Wirtin ein
anderes Gesicht hat, wenn sie allein ist?
Damit sie keine Falten bekomt, vom ständigen Lächeln. Damit das Lächeln noch eine Bedeutung hat,
wenn sie's ihrem Mann oder ihrem Kind zeigt.
Da kommt auf einmal eine Gruppe von alten durchtriebenen Hallodris
daher, so Spaßvögel, nicht, die füllen einander die Schischuhe mit Schnee, wenn
einer aufs Klo geht - bös is es nicht
gemeint, halt kindisch - und mit denen muß die Wirtin trinken - Schnaps,
versteht sich, - wenn sie nein sagt, obwohl mit bester Begründung, dann is es
eine Beleidigung, die kommen nicht wieder, man hat sie um einen großen Genuß
gebracht - also trinkt sie Wasser, und tut so als hätt' sie einen kleinen
Schwips. Die wollen, daß man sich
freut - am Anfang is es ein bissel ein
Schuldgefühl - die arbeitet, damit ich mich amüsieren kann, schade, daß die nix
von meiner Freude hat; aber später is es die Forderung, daß jeder, der um mich
is, meine Stimmung teilen soll. Und
das kann man nicht, da is es notwendig, daß man die Leut' täuscht. Sonst würden die merken, daß man ihren
Traum nicht teilt, und dann wäre es mit dem Traum aus.
Früher war's anders. Was?
Alles. Ich mein', früher war's
so, daß die Leute, die zu uns kamen, uns selber brauchten, unsere Fähigkeiten,
unser Können - nit nur zum Zeitvertreib - Sie verzeihen schon, aber Sie werden
selber einsehen, daß so hinauf und runter, hinauf und runter - daß so was nit
diesen ganzen großen Aufwand rechtfertigt...Ja, weil die Berge einmal da sind -
sollen sie halt irgendwie von Nutzen sein - aber die Leute, die zu Großvaters
Zeiten hierherkamen, die waren anders: die waren Maler, oder die waren
Bergsteiger, oder die wollten Schitouren machen, nit - das war so was, was wir
damals, unaufgeklärt wie wir waren, verstehen konnten - das heißt, daß es
eigentlich ein Teil von unserem Leben war - nicht so veräußerlicht und
oberflächlich: wir mußten selber schon schifahren können, um einander zu
erreichen, bergsteigen mußten wir auch, mußten wir. Und da verstanden wir die Leute, die den
Berg als eine Herausforderung sahen.
Was wir ihnen beibringen konnten, das war eben was Wertvolles. Zum Beispiel, wie man's nicht
machte. Wo man hinkam, wenn man leider
Gottes den verlockend breiten Weg nahm, statt des schmalen, schwindligen
Steges.
Ja, das lernt man von den Bergen: die Methode. Die Genauigkeit. Alles dreimal gut durchgehen. Die Pedanterie. Haben Sie schon in der Schule die Geometrie gehabt? Mir gefiel das ungemein. Diese Ordnung, diese logische Beweisführung. Wenn man von dem richtigen Punkt anfängt, folgt alles andere draus. So ist es in den Bergen. Da gibt's keine Umleitungen, da gibt's keine Durchgänge, da gibt's keine kürzeren Wege. Kein Wiegelwagel - entweder der Weg is richtig, oder der Weg is falsch. Das färbt sich auf uns ab. Früher, mein' ich. So schulmeisterisch waren wir, so streng. Wir wußten genau, is einer auf die schiefe Bahn geraten, so geht's mit ihm immer bergab. Umkehren is allerdings möglich - bis zu einem gewissen Punkt, nachher nicht. Ja, die Berge sein eine moralische Einrichtung, nicht zu leugnen - und wir waren schon im neunzehnten Jahrhundert etwas museal - so beispielhaft in der Strenge unseres kargen Lebens. Freilich, hat man den falschen Weg einmal gewählt, läßt er einen nicht aus, führt er einen zum Abgrund.
Aber heute gibt's
Hubschrauber - obwohl die auch nicht alles können, besonders wo das Tal zu eng
is.
Wie heißt's doch auf
Latein? Jawohl, Latein haben wir auch
gehabt; versteht sich, das einzige, was man von hier fortträgt, ist Wissen,
Kenntnisse, wie, wo, wann - braucht man alles im Flachland nicht, da gibt's
Wegweiser, Telefonhütterl - hier müssen wir auf Du und Du mit den einzelnen Grashalmen sein. Dazu braucht man ein Gedächtnis.
Was wollt' ich eben
sagen? Ja - Gedächtnis, lass' mich
nicht im Stich! Deus ex machina, das
war's - der Gott aus der Maschine. Das
wäre jemand, der zu uns kommen könnte, herein zu uns, der sich nicht um die
verschlungenen Wege kümmern müßte, die oft eher Verkershindernisse sind, als
Verkehrsmittel. Aus heiterem Himmel -
nicht mit Bus und Bahn, wie die Zeitungen, die damals nur vom Massenelend berichteten
oder vom Sechstagefahrradrennen, wodurch a paar arme Schlucker versuchten, sich
aus dem Massenelend zu reißen, während Tausende fanatisch zuschauten, nur damit
sie auc nicht ans Massenelend denken mußten, denn es war ihr Elend und sie
waren die Masse, für die es kein Entrinnen gab, nicht einmal mit dem Fahrrad,
obwohl das auch als letztes versetzt wurde...
Der Gott aus der
Maschine. Den hätten wir damals nötig
gehabt. Schließlich bekamen wir dann
den Führer aus'm Radio. Aber das war
ganz anders.
Grade die Woche,
als es geschehen is, hat mein Bruder das in der Schule gehabt - der war älter
als ich, klar - vierzehn oder so, is dann gleich am Anfang des Krieges
einbezogen worden, wurde als Gebirgsjäger nach Jugoslawien, Griechenland geschickt
- Verschwendung, Verschwendung - er war ja Ingenieur, teilweise gelernter und
geprüfter, aber wenn man aus den Bergen is, da denken die Leut' halt nur, daß
man zum Gebirgsjäger taugt und zu sonst nix.
Aber a guter Gebirgsjäger war er - im Frieden, wenigstens. Er hat ein paar Mal geschrieben, das letzte
Mal, daß es ihm komisch vorkam, jetzt nach Menschen zu zielen, wo er doch nur
gewohnt war, Tiere aufs Korn zu nehmen - es war ihm, sagte er, jetzt gerade
aufgefallen, daß es eigentlich Menschen waren, die er anpirschen und erlegen
mußte. Das war das Letzte, was wir von
ihm gehört haben. Mich behielten sie
als Bergführer - für den Fall, daß ein hohes Tier sich nach Meran flüchten
wollte...
Alles erzählte er mir
weiter, was er in der Schule lernte.
Und danals war es die griechische Kultur, Drama und so. Klassisches Theater. Die ausweglose Tragödie. Und da kommt einer hineingeflogen und löst
alle Probleme. Steigt so silbern und
glänzend aus seinem Gespann, das von luftigen Pferden gezogen wurde und immer
noch oberhalb des Bodens schwebt, und verkündet das Urteil der Gnade, die
erwünschte Antwort auf die Gebete des Helden und die Hoffnungen des Publikums.
Am 27. Mai 1931 geschah es
- sah ich es damals wirklich am Himmel, oder habe ich es mir erst später
eingebildet? Das Silberne, mein' ich,
das herangeschwebt kam, hoch, sehr hoch, sehr, sehr hoch. Niemand war je so hoch gewesen. Außer Ikarus. Den hatte mein Bruder vorige Woche im Unterricht gehabt. Über den wußte er noch Bescheid. Sechzehntausend Meter. Und dreizehntausend verloren sie. In einem kleinen silbernen Ball mit
winzigen runden Fenstern, damit die Sonne sie nicht allzusehr versenge. Die hatten auch von Ikarus gelernt,
nicht? Gefahren der Höhensonne. Ein silberner Ball, wie der goldene Ball,
mit dem die Prinzessin spielte, der ihr dann in den Brunnen fiel, so daß sie
den Frosch anflehte, er möge ihn ihr holen.
Wir waren die
Frösche. Ich nicht. Ich war zu jung. Der Bruder auch nicht.
Aber wir gingen beide mit. Der
Schulmeister führte das Ganze.
Schulfrei war ohnehin schon.
Alle gingen mit, soweit sie konnten.
Wenn sie nicht weiter gehen konnten, blieben sie stehen und reichten
einander die Fernröhre, die sie mitgebracht hatten.
In den Bergen gibt's nicht
den Begriff "wie weit" als Länge - die Entfernung gibt man immer als
Zeitdauer an. Ein bißchen wie im
Weltall - ich sehe auch fern, ab und zu - und da war in einem Programm, wie wir
die Sterne nicht so sehen, wie sie eben sind, sondern wie sie waren -
wenn wir den Himmel angucken, so schauen wir ständig in die Vergangenheit
hinein. So is es in den Bergen auch -
nur manchmal umgekehrt: wir sehen zwar den Ort, wo wir hinwollen, und ganz klar
dazu, aber was wir sehen, liegt in der Zukunft - wir sehen etwas, was wir erst
in zwei, drei, vier Stunden erreichen werden.
Mein Bruder und ich, wir standen und schauten durchs Fernrohr in die Zukunft: da lag der große silberne Ball auf der Gurgler Ferne. Man hatte ihn schon erreicht, auf Schiern natürlich, denn auf den Schnee war kein Verlaß, es war schon Ende Mai. Man hatte schon alles mit Stricken befestigt - wenn so eine silberne Kugel ins Rollen käme - wär' nit übel! Und jetzt wartete man auf denjenigen, der aussteigen würde.
Wenn man das Kleingedruckte
liest, erfährt man, daß zwei Menschen drinnen waren, sogar den Namen des
zweiten weiß man, Ingenieur Kipfer, aber sonst ist von ihm nicht viel zu
berichten, ein Ingenieur halt - auf den Bildern steht er nicht. Wer auf den Bildern steht, der Gott aus der
Maschine - den haben wir damals doch gesehen, den sieht man in den alten Fotos,
die jetzt so sehr in Mode gekommen sind - aber es war kein Gott, sondern ein
Schweizer Professor mit einem französischen Namen. Was er gesprochen hat, das weiß ich nicht, nicht einmal in
welcher Sprache - wir waren damals zu
weit weg, um es ihm von den Lippen abzulesen - er blieb nicht lang bei uns in
Obergurgl - ich sah ihn nie persönlich, nur von ferne, damals, als er aus
heiterem Himmel zu uns herniederstieg.
Vom Olymp kam er nicht, sondern von Augsburg. Er wußte auch nicht, wo er war. Er trug ganz gewöhnliche Kleider - Hemdsärmel, als ob er gerade
Tennis spielen wollte - sah eigentlich
ein bißchen blöd aus, im Vergleich zu der schönen, naturnotwendigen
Gebirgskleidung der Rettungsgruppe. Es
muß ihn wohl ein bissel gefröstelt haben, obwohl es Mai war. Zugegeben, er schaute wie ein Professor
aus. Schon in der Entfernung sah man
deutlich die hochgewölbte Stirn, hinter dem sein ganzes Wissen gelagert war,
sowie die Brillen und den zerstreuten, leicht verwirrten Blick eines Menschen,
der ja aus allen Himmeln gefallen war.
Die Helden waren aber
unsere Leute. Fesch sahen sie
aus. Sie trugen alle die
Edelweißbrosche - das werden Sie nicht wissen, aber damals war diese Brosche
eine besondere Auszeichnung, man trug sie nur, wenn man die Blume an einem
besonderen Ort gesammelt hatte. Jetzt
bekommt man die Broschen überall zu kaufen, aber damals - damals freilich auch,
aber das waren andere, und jeder wußte und merkte den Unterschied.
So war's. Das große Ereignis. Die Außenwelt kommt nach Gurgl. Eine ganze Woche lang stand's in den
Zeitungen. Dreiviertel davon war
Lügen. Na ja, die Wahrheit hätte man
kaum bringen dürfen, sie war entweder langweilig oder beleidigend. Was man über die Retter wußte, wollte
keiner fettgedruckt sehen. Tüchtige
Bergsteiger allenfalls, und das andere - Schwamm drüber. Na ja - Sie wollen auch nicht von mir
wissen, was ich seit jenem Tag alles gemacht habe, und wieso ich hier den Lift
bediene. Das is unnötiges Wissen - das
belastet, das belästigt.
Sieben Tage, und dann kam
ein anderer armer Teufel dran, ein Grazer, der sein Leben lang ein Zwerg
gewesen war, aber jetzt auf einmal zu wachsen angefangen hatte und dabei so ein
Riese geworden war, daß sein Körper unter der neuen Last versagte und er
bettlägerig wurde. Die Interviews mit
ihm werden wohl auch erlogen worden sein.
Schauen Sie, der Lift
arbeitet schon wieder - wollen Sie nicht mehr? Ach so, Termine - ja, der Urlaub is auch nicht mehr das, was sie
war. Hinauf, herunter, hinauf,
herunter - hat auch der Professor gemacht, nicht? Und alles, was man von ihm hatte, war etwas Selbstbestätigung.
Auch nicht schlecht, wenn man's richtig bedenkt. Hinauf und wieder runter - aber da wissen Sie wenigstens,
wo Sie sind, nicht?
Ein anderes Mal - nächstes
Jahr, übernächstes - ich werde da sein - oder ein anderer, genauso wie ich -
Sie werden den Unterschied kaum merken.
Es wird sich nichts geändert haben.
Mike
Rogers 16.v.90