MEIN ERFOLGREICHSTER FALL

 

 

     Aller Anfang ist schwer.   Das Ende aber - und hierin unterliege ich keiner Täuschung darüber, daß ich  meinem persönlichen Ende nahe bin - das Ende ist immer viel leichter, insofern es durch das Vorhergegangene bedingt wurde.   Mit den unvermeidlichen Selbstvorwürfen konfrontiert, tröstet man sich mit der Einsicht in die Gründe der eigenen Irrtümer, des eigenen Versagens.   Was einen früher durch seine reine Zufälligkeit zur Verzweiflung trieb, indem es sich als eine Reihe von unverschuldeten Katastrophen darstellte, entpuppt sich jetzt als eine unlösbare Kette aus Ursache und Wirkung.   Verständnis ist ja der wirksamste Trost - wenigstens für eine bestimmte Art von Geistern - für die Art von Geistern, welche die Einsicht höher einschätzen als das persönliche Überleben, und ihr eine Existenz zuschreiben, die vollkommen unabhängig von ihrer Aufbewahrung in einem anderen Menschengeist ist.   Man soll vielleicht in diesem Zusammenhang bedenken, daß eine der ersten Handlungen der Juden nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 nach Christus als Folge einer unvorsichtigen Auflehnung gegen die römische Herrschaft eben darin bestand, daß sie den römischen Kaiser um die Erlaubnis baten, einen Kolleg für das Talmudstudium errichten zu dürfen.

 

     Da kommt natürlich die Frage - und, wie Sie sehen werden, ist es mir gelungen, die erste Versuchung von vielen, über die Geschehnisse der Jetztzeit zu reden, zu vermeiden, obwohl ich natürlich die ganze Zeit darüber rede, sogar und vor allem wenn ich es nun ganz und gar nicht zugeben will - da kommt natürlich die Frage: was wollten diese Juden dadurch erreichen, indem sie ihre Intellekte mit solcher Strenge und Akribie jenen Problemen der textlichen Auslegung widmeten?   Warum wollten Lenin und Marx so viel Zeit im Leseraum des Britischen Museums verbringen?   Um die Heizkosten im Winter zu verringern?   Um der Ehefrau aus dem Wege zu gehen?   Oder im Fall Marx' dem leider unvorsichtig schwangergewordenen Dienstmädchen oder den erbarmungslos intellektuellen Töchtern?   Das sind natürlich leichtfertige Bemerkungen, aber nicht ganz, denn es läßt sich nicht leugnen, daß intellektuelle Tätigkeiten - sowie andere Beschäftigungen, die sich dazu rechnen lassen, wie z.B. das Lesen oder der  Theaterbesuch - Reize und Funktionen besitzen können, die weder direkt noch offensichtlich sind.   In dem soeben angeführten Beispiel, wo die Juden es vorgezogen haben, die blutige Erinnerung an eine erbarmungslose Niedermetzelung sowie an die nie gutzumachende Entweihung ihres Allerheiligsten dadurch auszumerzen, indem sie ihre volle Aufmerksamkeit einer Betrachtung der erlaubten Ausmaße einer für das Laubhüttenfest zu errichtenden Laubhütte widmeten, einer Aufgabe, der sie mit einer Meßgenauigkeit oblagen, die eher einem die Baugesetze anwendenden stadtamtlichen Bauinspektor zu passen schiene, als einem den Willen Gottes zu interpretieren und zu verstehen bestrebten Theologen - gewiß kann man hier die Flucht in obsessives und zwanghaftes Verhalten sehen, die endlosen Versuche, Rätsel zu lösen, die man sich selber gestellt und die überdies keine Lösung haben, die ja die absichtliche Verdrängung unangenehmer Gedanken und Erinnerungen kennzeichnet.

 

     Und damit wäre meine jetzige Einführung auch gekennzeichnet.   In einer Welt, wo das einzige Gewisse das Ungewisse ist, wo in einigen Ländern - und eines davon habe ich ja gerade verlassen - ein einfaches Klopfen an der Tür ohne jede abergläubische oder mythologische Auslegung ein unmittelbarer Vorbote von Schmerz und Tod sein kann - in einer solchen Welt scheint es mehr als je notwendig, irgendeine Ordnung zu schaffen.   Nein.   So darf man's nicht sagen.   Ich - man - will ja keine Ordnung von außen aufzwingen.   Das machen die anderen.   Sie sind es, die Ordnung schaffen, Ordnung aufzwingen.   Das ist ihre Methode.   Das Etikettieren.   Das Anbringen von Schildern.   Das Ankleben von gelben Sternen.   Nein.   Nein.   Es war immer meine Absicht, die Wahrheit, die innere Ordnung - hervortreten zu lassen.   Sie soll einfach aus den Tiefen des Geistes auftauchen.   Sie soll sichtbar werden.   Man ruft sie durch Beschwörungen herbei.   Man öffnet seinen Geist, genauso wie man die Augen öffnet, und diese Sachen erscheinen.   Man wähnt, etwas zu verstehen.   Wenigstens ist es ein konsequenter Wahn.   Die Argumentationstraditionen einer dreitausendjährigen Talmudwissenschaft würden mir nie einen Selbstwiderspruch erlauben, auch würde ich mir selbst nie etwas mehr als ein legitimes Paradox erlauben, die leicht zu beobachtende Tatsache, daß dieselbe Ursache zwei entgegengesetzte Wirkungen zur Folge haben kann, und daß die gleiche Reaktion sich durch zwei entgegengesetzte Ursachen  hervorrufen läßt.   Man nehme als Beispiel meine Zurückhaltung bezüglich des eigentlichen Themas meines jetzigen Vortrags : ist es die Furcht vor der Konfrontation, oder die Vorfreude darauf, die mich dazu zwingt, so reserviert und umsichtig zu sein, so katzenmäßig um den heißen Brei herumzugehen?   Schrecken oder Faszination?

 

     Einfach der Funktionerung eines logischen Systems zuzuschauen kann einen aber ungemein trösten - sogar wenn man angefangen hat, Zweifel zu hegen, bezüglich der Fähigkeit solcher Systeme, unwiderlegbare Wahrheiten hervorzubringen,  -  umsomehr wenn man vom Alptraum heimgesucht wird, es könnte so etwas wie die Wahrheit gar nicht geben.   In einem solchen Zustand neigt man vielleicht mehr dazu, als sonst zu rechtfertigen wäre, den absoluten Herrschaftsanspruch jener Thesen zu behaupten, die von einem nüchternen Blickwinkel aus betrachtet bloß die Arbeitsregeln der eigenen Weltanschauung darstellen.   Ich weiß, daß ich solcher übertriebenen Aussagen schuldig bin, und daß es bei mir seit jeher der Fall war.   Es ist ein Laster, von dem ich mich nie habe heilen können - ich habe mich in der Tat von keinem meiner Laster heilen können, obwohl ihre langfristigen schlechten Wirkungen es mir reichlich zum Bewußtsein gebracht haben, daß sie tatsächlich Laster sind - wie zum Beispiel die Zigarren, die ich als Stimulans nie habe entbehren können, wofür ich den Preis in lebenslänglichem Katarrh gezahlt habe [er räuspert sich und spuckt aus] sowie in dem Krebs, der mir jetzt den Kiefer durchfrißt und meinem Leben ein baldiges Ende bereitet.

 

     Es ist in so vielen Hinsichten befriedigend, wenn man nur weiß, warum.   Selbst wenn man nichts dagegen machen kann.   Vielleicht besonders wenn man nichts dagegen machen kann.   Natürlich, wenn man den Grund bloß zu wissen wähnt, ist es umso besser, daß man keine Gelegenheit hat, die Unwahrheit der Theorie zu beweisen.   Die Talmudwissenschaftler hatten auch ausreichend Vernunft, um die therapeutischen Eigenschaften ihrer gedanklichen Arbeit nicht dadurch zu gefährden, indem sie besagte Gedanken irgendeiner naturwissenschaftlich gearteten Untersuchung unterzogen, deren Ausgang eben irrelevant gewesen wäre, da es doch schließlich auf die Wirkung und nicht auf die Wahrheit ankommt - die subjektive Wirkung auf den Einzelmenschen, die ja zu beobachten und festzustellen ist, im Gegensatz  zur objektiven Wahrheit, die  letzten Endes nicht zu ergründen ist und nur Gott interessieren würde, der ja hinlänglich damit vertraut ist und dem sie doch nicht erst mitgeteilt werden müßte.

 

     Schon Goethe sagte: Was fruchtbar ist, allein ist wahr.   Und diesen Ausspruch habe ich mir zum Leitprinzip gemacht.   In meinem früheren Leben, wie auch heute.   Mit der Voraussetzung, daß gewisse Sachen für mich wahr sein werden, die es für Sie vielleicht nicht sind.   Aber, wie ich schon sagte, kann es nur um die persönliche Wahrheit gehen.   Umso mehr, wenn der Untersuchungsgegenstand in jemands Vergangenheit  liegt.   Ich möchte jetzt allerdings gestehen - wodurch ich vielleicht zu weit vorausgreife und die reibungslose Entwicklung meiner Argumentation störe, aber das macht nichts - daß gerade ich dieser jemand bin.   Ich habe nie gezögert, mich selbst als Beispiel in meinen wissenschaftlichen Schriften anzuführen, obwohl ich mir dadurch unvermeidlich ein gewisses Maß an Schmähung und wahllosen Beschimpfungen eingehandelt habe, insofern diejenigen, die weniger aufrichtig mit sich selbst sind, als ich es bin, es versucht haben, meine allgemeinen Einsichten dadurch zu leugnen und zu entwerten, indem sie mich des Wahnsinns beschuldigten - und das nicht bloß im normalen Sinn der akademischen Auseinandersetzung, wo jeder, der anderer Meinung ist, ein Schwindler, ein Dummkopf oder ein Verrückter sein muß, sondern im extremeren klinischen Sinn: wenn ich gewisse Sachen für wahr hielt, und noch obendrein die Operationen des eigenen Gehirns als Bestätigung dieser Hypothesen betrachtete, so war ich ohne weiteres vollkommen anstaltsreif.   Was mich aber nie davon abgehalten hat, mich selbst als Beispiel zu gebrauchen, insofern ich dabei imstande bin, jene subtilen und schlauen Schutzmaßnahmen und Widerstände aus erster Hand zu beobachten, die der tiefste Teil des menschlichen Geistes ins Werk setzt, um seine Geheimnisse zu bewahren.   Es gibt ja auch Gelegenheiten, wo die höheren Teile des Geistes gemeinsame Sache mit ihm machen, in einer Verschwörung, deren Zweck es ist, aus Scham gewisse Aspekte seiner Natur zu unterdrücken oder wenigstens zu modifizieren.   Ich rate Ihnen, mich sorgfältig zu beobachten und mir aufmerksam zuzuhören.   Denn ich habe ja weitaus mehr Erfahrung in der Kunst, mich selbst zu überlisten, als irgendeiner unter Ihnen - ein faszinierend zweideutiger Satz, weil er die Möglichkeit nicht ausschließt, daß es der niedrige Teil des Geistes ist, der in der Überlistung des  höheren Teiles so viel Erfahrung hat.   Habe ich diese Zweideutigkeit selber eingefügt - bewußt und mit Absicht?   Oder ist sie aus der Natur der Sprache entstanden?   Sie wissen vielleicht nicht, daß die Bedeutung des Wortes 'Ich' es ist, deren Problematik denen, die sich mit der linguistischen Philosophie abgeben, am meisten zu schaffen macht.   Ich stünde ja dem gleichen Problem gegenüber, wenn ich wüßte, welches 'ich' 'ich' wäre.   Das Problem scheint kurzerhand unaustragbar - innerhalb gewisser Grenzen.   Aber man kann ja doch meistens sehen, mit welchem Teil der Persönlichkeit man es zu einem bestimmten Zeitpunkt zu tun hat.   Also rate ich Ihnen, mir gut zuzuschauen.   Lernen Sie von mir.   Aber Sie müssen nicht glauben, was ich zu sagen habe.   Sie müssen nur zuhören.

 

     Sie werden außerdem große Mühe haben, die Wahrheit oder Unwahrheit des Vorfalles zu kontrollieren, den ich Ihnen jetzt erzählen möchte.   Aber schon lange bevor ich mit den Vorbereitungen zur Erzählung anfange, möchte ich Sie fragen, ob das überhaupt von Belang ist?

 

     Diejenigen unter Ihnen, die schon einen Weltkrieg überlebt haben und jetzt voller Angst einem zweiten entgegensehen, werden für sich selbst entdeckt haben, was für eine seltene und schlüpfrige Ware die Wahrheit ist - und wie man nicht immer so viel davon hat, wie man eigentlich brauchen würde, aber auch, daß man mehr davon haben kann, als eigentlich notwendig wäre.   Die Wahrheit hat bestimmte Funktionen, die sich manchmal besser durch Lügen erfüllen.   Obwohl Sie mit einer solchen Behauptung vielleicht nicht einverstanden wären.

 

     Als Wiener durch Wohnrecht, wenn nicht durch das Recht der Geburt, bin ich den armen, ehrlichen, aufrichtigen Engländern weit voraus, wenn es sich um Täuschung handelt, sowie um die Fähigkeit, besagte Täuschung zu durchschauen - bei Wahnsinnigen, bei Normalen, sogar bei sich selber.   Sie, als Engländer, behalten aber Ihre Schauspielkunst der Bühne vor und Ihre Exzentriker sind ja so gütig, ihre Exzentrizität offen zur Schau zu tragen, als sichtbaren Beweis für das Alter ihres Stammbaumes und die damit verbundenen Erbkrankheiten.   Adel verpflichtet.

 

      Immerhin ist es mit den Engländern auch so weit, daß Sie sich in einer immer ungewisseren Welt befinden.   Für Sie ist das ein allmählicher Prozeß.   Für mich kam es verhältnismäßig plötzlich.   Ich spreche jetzt nicht bloß von dem Einmarsch ausländischer Truppen in meine Heimat und die mir infolgedessen aufgezwungene Abreise.   Natürlich hätte ich das ganze voraussehen können, voraussehen sollen, vorbeugende Maßnahmen unternehmen, meine Bücher ins Ausland schicken und so weiter und so fort - ein allmählicher Prozeß, weit weniger anstrengend für die Nerven als die tatsächlichen Maßnahmen, die in Hast und Krankheit ergriffen werden mußten - aber - und hier muß ich einfügen, daß es mir dabei in erster Linie um meine Antiquitätensammlung ging, die in der Tat heil davongekommen ist, sowie um meine Couch, die auch gerettet werden konnte - ich halte mich, sehen Sie, sehr an Ordnung, an die äußerliche Ordnung: es war meine Hoffnung, im einen und demselben Hause zu leben und zu sterben, Berggasse 19, die Nachbarn wurden andere, wir aber nicht.   Die Entdeckungsreise ging nach innen, da mußte man nach außen hin Sicherheit haben.   Immer der gleiche Baum im Hof.   Im Frühling umd im Herbst machte ich ein kleines Ratespiel: das Datum nach dem Stand der Blätter zu bestimmen.   Ich war politisch naiv, weil ich es sein wollte, ich wollte auch nicht zugeben, daß diese äußeren Wandlungen in irgendeiner Weise so radikal umstürzend sein könnten wie jene ungeheuren psychologischen Wandlungen es waren, die ich - in mir selber - zu bewältigen gelernt hatte.

 

     Nein.   Die gehören nicht hierher.   Die sind es nicht, wovon ich Ihnen erzählen werde.   Ich habe sie exzerpiert.   Ich habe sie umgemodelt.   Ich habe sie als Beispiele gebraucht und beiseite geworfen.   Es hätte keinen Zweck, sich wieder nach dem Kehrichthaufen umzuschauen, von dem ich schon alles Wertvolle ausgesondert habe.

 

     Aber ich schaue mich dennoch um.

 

     Hegel hat der Welt ein Modell für die Entwicklung von Gedanken gegeben.   Durch Argumentation.   Die Dialektik.   Schön.   Einfach.   These.   Antithese.   Synthese.   Die eine neue These bildet, die dann selber eine Reaktion auslöst, die ja dann in einer veränderten Form der These aufgeht.   Und so weiter.   Aber ich - gehe solange um ein Problem  herum und beschaue es von verschiedenen Seiten, bis ich es klar und deutlich sehe.   Sie werden aber vielleicht nicht wissen, von welcher Seite ich es betrachte.   Und sie werden vielleicht denken, daß ich es gar nicht betrachte, sondern etwas ganz anderes.   Aber Sie irren sich.   Es ist immer das gleiche Problem.

 

     Meine Gesprächigkeit mag Sie vielleicht wundernehmen.   Wir sind diejenigen, die durch das Zuhören heilen, indem wir die Patienten solange reden lassen, bis sie sich selber durch die Einsichten heilen, zu denen sie von ganz alleine gekommen sind.   Es muß doch einleuchten, daß es keinen Sinn hätte, ihnen unsere Einsichten in ihren Zustand aufzwingen zu wollen.   Wie verschieden sind wir in dieser Hinsicht von den normalen Ärzten, die die eigenen Kenntnisse ständig betonen und dem Patienten sagen, daß er oder sie sich von der Krankheit erholen muß, weil dies oder das die jetzt behobene Ursache ist.   Und wenn das der Fall nicht sein sollte - oder wenn sie sich in der Diagnose geirrt hätten ... Nein.   Wir überlassen es dem Patienten, uns seine Heilung zu melden, auch wenn wir selber schon lange davon gewußt haben: es kann nur dann für den Patienten wahr sein, wenn der Patient selber sagt, daß es wahr ist.

 

     Wir hören zu.   Und wann reden wir selber?   Und zu wem?   <Abgesehen natürlich von der jetzigen Veranstaltung, die ja eine große Ausnahme bildet.>   Wem beichten die Beichtväter?   Wer analysiert die Analytiker?   Was für eine Last von Schuld!   Nicht bloß die eigene, sondern die Schuld von jedem, der seine Sorgen bei uns abgeladen hat - tragen wir tatsächlich all das?   Oder stecken wir es in ein Gepäckschließfach in den Ordinationsräumen?   Schmeißen es hinter die Couch und Schwamm drüber?   Die Putzfrau wird's nie finden, und wenn schon, wird sie es gar nicht erkennen können.   Unseren Frauen sagen wir es nie.   Wenn wir das täten, könnten wir nicht länger mit ihnen leben.   Einiges, natürlich, laden wir auf diese Weise ab, aber sehr wenig.   Keine menschliche Beziehung könnte als Brücke für den Transport von so viel Elend und so vielen Verdrehungen dienen.   Wenn es einen Gott gäbe, könnten wir uns Ihm anvertrauen, besonders da Er wenigstens nominell Anspruch auf die Urheberschaft der Um- und Mißstände erhebt, mit denen wir fertigwerden müssen.   Aber jedes Mal, das ich Gott angerufen habe, hat Er sich nicht gemeldet.   Also lassen wir  den Schlamm durch  unseren Geist hinabsickern, bis er zum Leckwasser in dem Bilgen abtropft, wo er verhältnismäßig sicher auf- und abschwappen kann.   Also wird alles vergessen.

 

     Und doch wird nichts vergessen.   Nichts.   War das nicht das Schrecklichste an dem Gott meiner Kindheit: daß Er Rache bis ins dritte und vierte Glied versprach?   Wer wußte, was für Missetaten ein armer und unglücklicher Urgroßvater in Arad oder Brody verübt haben konnte, und was für Katastrophen infolgedessen auf mich herabregnen könnten?   Eine beunruhigende Gewohnheit: die Erklärung des Unglücks als Strafe.   Eine Gewohnheit, gegen die ich zeitlebens gekämpft habe, bei mir sowie bei anderen.   Der Grundstein zu vielen Religionen, das ist ja klar, aber nichtsdestoweniger krankheitserregend: eine große Ursache der geistigen Erkrankungen.

 

     Nichts, sage ich, wird wirklich vergessen.   Ganz tief unten in der menschlichen Psyche, in jenem großen Sammelbecken unserer toten Tage, in einer Gestalt, die nicht mehr zu erkennen ist, wird es aufbewahrt, und sein Einfluß besteht fort, umso mächtiger, als er nicht anerkannt wird.   Diesem ältesten Teilen von uns verleihen wir Gestalten, die wir ertragen können - und Jung, mein einstweiliger Jünger, gibt sich eher mit den Gestalten ab, als mit dem, was sie darstellen.   Es ist leicht, diese Faszination zu verstehen, leichter noch ihr zum Opfer zu fallen - davon zeugen ja die Figurinen aus dem Mittelreich der Pharaonen, die noch in ihre Kisten eingepackt allzuviel von meiner englischen Wohnung in Anspruch nehmen.   Es ist ein törichter aber verlockender Wahn, das Leben der Menschheit dem Leben des Menschen gleichzusetzen und zu glauben, daß es einmal eine formative Kindheit gegeben habe, wo diese Alpträume weniger verschleiert, noch durchsichtiger waren, wo die Probleme, die uns noch heimsuchen,  durch das richtige Ritual und das Gebet eines Gläubigen sich auf immer hätten verbannen lassen.   Natürlich ist das nicht wahr.   Wir müssen alle den eigenen Alpträumen ins Gesicht schauen und sie wegscheuchen oder sie uns vielleicht nur gerade vom Leibe halten.   Ich kann Ihren Platz nicht nehmen, obwohl ich Ihnen vielleicht den Rücken verteidigen kann und Ihnen ermutigende Geschichten erzählen oder rufen «Achtung nach hinten!«

 

      Daß jemand hinter Ihnen steht, bedeutet natürlich auch, daß Sie nicht weglaufen können, wie Sie doch wohl gerne möchten.   Sie müssen dastehen und dem, was Sie erschrickt oder beunruhigt, anregt oder verlockt, ins Gesicht schauen.   Steht jemand jetzt hinter mir?   Nein.   Sie sitzen ja alle vor mir.   Und warten.   Warten darauf, daß ich das Versprechen einlöse, das ich Ihnen machte, indem ich überhaupt zu Ihnen zu reden begann.   Vielleicht war das ein Irrtum.   Wenn schon, wessen?

 

     Ich erzähle Ihnen jetz über meinen Irrtum.   Ach nein, nicht das, was ich Ihnen eigentlich erzählen will, sondern etwas viel Früheres, etwas, womit ich mich schon fast abgefunden habe, etwas, was ich schon bewältigt und überwunden habe.   Ich überwand es in der Tat beinahe im gleichen Augenblick, als das Problem sich herausstellte.   Obwohl ich damals jünger war und die Antwort darum finden konnte, weil ich noch glaubte, daß es Antworten zu finden gab.   Seien wir ehrlich: man findet nur das, von dem man schon weiß, daß es da ist.

 

     Meine frühen Untersuchungen zur weiblichen Hysterie führten alle zu der Schlußfolgerung, daß meine Patientinnen samt und sonders von ihren Vätern genotzüchtigt worden waren.   Ein Tatsachenzustand, der mir zuerst höchst beunruhigend erschien.   Und dann höchst unwahrscheinlich.   In den meisten Fällen hätten die betreffenden Väter kaum die Zeit, geschweige denn die Gelegenheit gehabt, um die Handlung zu begehen, deren sie beschuldigt wurden.   Tatsächlich verband sich auch diese Art von Anklage fast immer mit  Beschwerden über Vernachlässigung.   Was macht man, wenn man mit dem Unbegreiflichen konfrontiert wird?   Man ändert seine Denkweise, um es zu begreifen.   Eine Lehre, die mehr als einmal im Leben anzuwenden, eine Fülle an Geist erfordert, die bei den wenigsten Menschen anzutreffen ist - ein Urteil, von dem ich mich leider nicht ausschließen kann.

 

     Mit einer Schnelle, die ich heutzutage beneiden würde, wurde es mir klar, daß diese Fälle der Notzucht, an die die Patientinnen sich im Laufe der Behandlung mit erstaunlicher Klarheit erinnerten, sich doch nicht in Wirklichkeit hatten zutragen müssen.   Sie hatten ihren Platz in der Vergangenheit meiner Patientinnen gefunden, weil man die eigene Vergangenheit konstruiert - oft, aber nicht ausschließlich, um die eigene  Gegenwart zu erklären - nicht bloß aus dem, was man erlebt hat, sondern aus dem, was man gerne erlebt hätte, oder zu erleben fürchtet.   Wobei es oft schwer zu wissen ist, ob man sich vor einem möglichen Geschehnis fürchtet, weil man es doch gerne sehen würde, oder umgekehrt.   Sie wollten, daß ihre Väter sie notzüchtigen sollten, und haben ihnen dann vorgeworfen, daß sie es nie taten.

 

     Ich hätte es natürlich den Betroffenen gegenüber nie mit solcher Offenheit ausdrücken können, und spreche es Ihnen auf eine solche Weise aus, nur weil Sie einer jüngeren Generation angehören, die es gar nichts angeht.   Sie werden diese Einsichten mit einem leichten Achselzucken als passé abtun können und werden fortfahren, sich mit anderen noch verworreneren Neurosen abzukämpfen, die Sie zum größten Teil aber nicht ganz sich selber eingebrockt haben.   Selbst ich gebe nicht dem Patienten die alleinige Schuld an all der psychischen Qual, der er oder sie ausgesetzt ist.   Die Außenwelt muß auch ihren Teil an der Verantwortlichkeit tragen.   Wie ich.

 

     Die Behandlung von Patienten ist ein äußerst erschöpfender Prozeß für beide Seiten.   In meinen jüngeren Jahren, zu einer Zeit , wo ich weitaus größere geistige Kräfte und weitaus weniger Geld besaß, fand ich mich gelegentlich gezwungen auf jede Art von Sommerferien zu verzichten, obwohl ich es gewöhnlich schaffte, meine Familie auf ein paar Monate von der bedrückenden Hitze Wiens zu entfernen - sogar nach Aussee, der damals noch am Anfang seiner Beliebtheit und daher noch im Reich des finanziell Möglichen stand.   Ich blieb mit reduziertem Dienstpersonal in Wien und konnte meine Freizeit ausschließlich der Verfassung von wissenschaftlichen Arbeiten widmen.   Als die Einkünfte von meinen Patienten zunahmen, entdeckte ich, wie die meisten Psychoanalytiker, daß die Patienten und ich einander für ein paar Monate im Sommer entbehren konnten, und infolgedessen fuhr ich früher als vorher meiner Familie in die Sommerfrische nach.   Ich fand es aber von Nutzen für eine beschränkte Zeit Strohwitwer zu sein, um mich ausschließlicher der Aufarbeitung meiner Forschungen zu widmen, als sonst möglich gewesen wäre.

 

      Daher kam es, daß ich mich im Sommer 1909 nach einer besonders stickigen und schlaflosen Nacht in den frühen Morgenstunden auf einem Spaziergang am Ufer des Donaukanals befand.   Vornehm war die Gegend nun gerade nicht, indem sie eine gute Strichmöglichkeit den Dirnen anbot, die sich an die Soldaten auf dem Wege von und zu der Rossauer Kaserne heranmachen konnten, während Bänke und Brückenwölbungen die Löcher in der Wohnbauplanung der Gemeinde für diejenigen ausstopften, die überhaupt kein Geld hatten.   Immerhin kühlte sich die Luft am Wasser und die gesunkene Natur des Kanals selber ließ dem Morgenwinde freien Lauf, der mit der Frische des Landes vom Kahlenberg herunterwehte und  den Weg durch das Labyrinth von schnarchenden und traumverstopften Straßen nie hätte finden können.

 

     Unter den Verlumpten und Verlotterten, die in verschiedenen Stellungen herumgestreut waren, fesselte meine Aufmerksamkeit einer, dessen Augen ein außergewöhnliches Feuer zu haben schienen.   Wo die anderen herumlümmelten oder sich hingeflegelt streckten, in Verzweiflung oder im Rausch, saß er aufrecht mit intensivster Spannung in jeder Linie seines Körpers.   Die aufgezogene Feder und das sprungbereite Raubtier sind ja abgedroschene Metaphern, aber immerhin alles, was mir einfällt, um ihn richtig zu schildern.   Damals hatte ich natürlich keine Ahnung von der Quelle seiner inneren Spannung, noch von den furchtbaren Folgen, die deren Loslassung zeitigen würde.

 

     Ich redete ihn natürlich nicht an.   Es war mir ja hinlänglich bekannt, daß Junggesellen von einer bestimmten Richtung sich ihre schönen Jünglinge von gerade diesem Abschnitt des Kanalufers zu holen pflegten, und ich wollte ja nicht, daß meine Absichten verkannt würden.   Auch redete er mich nicht an.   Ein Polizist war deutlich zu sehen, der gerade ein Zwiegespräch mit einer Prostituierten beendet hatte, und jeder Versuch, mich in ein Gespräch zu ziehen, wäre sofort als Bettelei gedeutet worden und hätte das unverzügliche Einschreiten des Gesetzes mit sich gebracht.   Sprang es ja doch in die Augen, daß der gutangezogene Frühfünfziger, der schon so früh am Tag eine teuere und starkriechende Zigarre rauchte, mit diesem helläugigen zwanzigjährigen Obdachlosen gar nichts gemeinsam haben konnte.   In der Tat aber stellte es sich doch heraus, daß wir eine  beunruhigend ähnliche Auffassung der menschlichen Psychologie hatten, sogar in dem Punkt, daß wir beide den Menschen genau sagten, was wir taten, obwohl man leicht hätte annehmen können, solches Wissen wäre unschwer gegen uns, zu der Vereitlung unserer Zwecke, zu verwenden gewesen.

 

     Ich fühlte mich der Ruhe bedürftig.   Die anderen Bänke füllten zusammengekauerte menschliche Gestalten, aber die aufrechte Haltung dieses jungen Mannes - er schien ja dem Schlaf zu trotzen - bedeutete, daß neben ihm reichlich Platz war.   Also setzte ich mich und rauchte meine Zigarre zu Ende.   Der Polizist war weitergegangen.   Die Prostituierte auch.   Gekräuselte Nebelstreifen, wie Rauchringe, stiegen vom Kanal.   Ich holte eine zweite Zigarre heraus, bot sie aber, bevor ich sie anzündete, meinem - - - Gefährten, wie er geworden war, an.   Er wies sie mit einer gebieterischen Geste zurück.

 

     'Widerliche Angewohnheit,' sagte er, 'widerliche Angewohnheit.'

 

     Ich lächelte, und steckte meine Zigarre wieder ein, indem ich über das Selbstbewußtsein des Menschen trotz seiner niedrigen sozialen Lage nachdachte.   Wer weniger inneres Feuer gehabt hätte, hätte mein Angebot angenommen, die Zigarre behalten und sie später um den Preis einer billigen Mahlzeit verkauft.

 

     Wir saßen schweigend nebeneinander.   Obwohl ich mich immer auf das Gesprochene konzentriert habe, ist es mir nicht entgangen, daß das Schweigen die Menschen noch enger aneinander binden kann.   Es fordert den gegenseitigen Respekt zu einem weit höheren Grad als der unwiderstehliche Drang, einander mit unseren persönlichen Details zu überschwemmen, oder der Wunsch, diesen Drang vorzutäuschen, indem man über irgendein desinfiziert neutrales Thema plappert.   Durch das Schweigen läßt sich jedes Mißverständnis vermeiden.   Durch das Schweigen läßt sich aber natürlich auch jedes Verständnis vermeiden.   Ich konstatiere, zum Beispiel, daß die Leute in diesem Raum bisher - weislich - geschwiegen haben.

 

     Nach etwa zehn Minuten stand ich auf, reckte mich, räusperte mich, wobei ich ausspuckte, aber dafür Sorge trug, daß es nicht aggressiv wirken  sollte, und erklärte, daß es meine Absicht sei, schon jetzt in einem benachbarten Kaffeehaus, von dem ich wußte, daß es für die Marktleute aus der Umgebung offen haben würde, das Frühstück einzunehmen.   Wenn der Herr sich zu mir gesellen möchte, würde ich ihm auch gerne um seiner Gesellschaft willen ein Frühstück besorgen.   Er sei offensichtlich jemand, der feste Meinungen habe, und es sei mir eben nach einer Diskussion zumute.

 

     Er drehte sich um und schaute zu mir hinauf.   Es fällt mir schwer, den Blick in jenen Augen zu beschreiben, oder die Wirkung, die sie damals auf mich hatten oder seitdem gehabt haben.   Zwingend ist vielleicht das beste Wort, das ich finden kann.

 

     Ich legte ihm dar, daß eine bloß karitative Absicht meinerseits es bei der Überreichung einiger Münzstücke hätte bewenden lassen können, worauf er wegschaute und fuhr fort, über den Kanal hinauszustarren.   Ich hielt das Gespräch für beendet und machte mich auf den Weg zum Kaffeehaus, gewährte aber bald, daß mein Gefährte mir mit raschen Schritten nachkam.   Es schien einfacher, nichts zu sagen, und somit verband uns wieder die Brüderschaft des Schweigens.

 

     Der Kellner im Kaffeehaus erkannte mich natürlich, da es oft meine Gewohnheit war, zur frühen Morgenstunde dort einzukehren, wenn ich nach einer schlaflosen Nacht den ganzen Haushalt nicht stören wollte, er grüßte mich auch als «Herr Doktor«, was, wie ich sehen konnte, meinem Gefährten auffiel, ohne daß es irgendeine Bemerkung von ihm auslöste.

 

     Wir schwiegen noch immer, als wir Kaffee tranken und aßen, aber während mein Gefährte seinen Kaffee gierig schlürfte und sich keinen Zwang antat, sondern den ganzen Brotkorb von backfrischen Semmeln leerte, spürte ich, wie seine Zurückhaltung nachließ.   Damit Sie mein Interesse an dem Fall würdigen können, muß ich erwähnen, daß ich es mit großer Selbstverleugnung unterließ, nach meinem Kaffee eine Zigarre anzuzünden.

 

     'Sie sind also ein Herr Doktor,' sagte er.   'Ein Arzt, also, nehme ich an?'   Ich nickte.   Die Nähe des Allgemeinen Krankenhauses ließ das  unschwer folgern.   Ich war aber nicht bereit, mit weiteren Auskünften aufzuwarten.

 

     'Erfolgreich, ohne Zweifel.   Wie alle Ärzte.   Teuere Zigarren.   Widerliche Angewohnheit.'

 

     'Und Sie?' fragte ich, möglichst höflich und möglichst teilnahmslos.

 

     'Ein Künstler,' antwortete er.   'Mein Vater war natürlich dagegen.'

 

     'Natürlich,' wiederholte ich.   Aber er hörte nicht die Ironie in meiner Stimme.

 

     'Jetzt ist er aber tot.   Meine Mutter auch.   Es wäre schön gewesen, wenn ich noch vorher erfolgreich geworden wäre - - - um den Eltern zeigen zu können...aber...es gibt immer Kämpfe am Anfang.   Eine Zeit der Prüfung...der Unbekanntheit.   Aus der ja dann der wahre Künstler hervorgeht.   Reingewaschen.   Geläutert.   Verklärt.'

 

     'Selbstverständlich,' fügte ich hinzu, mit weit mehr Sympathie als Sarkasmus.   Es mag selbstsüchtig klingen, aber ich hatte mehr von ihm erhofft, als diese abgetragene Künstlerromantik.   Vielleicht irgendeine vage Erinnerung an Diderot - Rameaus Neffe hatte mir vorgeschwebt.   Vielleicht hatte ich geglaubt, daß er der Zyniker sei, dessen Intensität die Schablone der Zivilisation niederreißen würde - der Hochstapler, der alle Welt zu beschwindeln imstande sei, weil alle sich so gerne täuschen ließen.   Ich finde es interessant, daß Goethe, dessen eigene Impulse und Einsichten ihn so oft dazu brachten, die Anschauungen seiner Gesellschaft in Frage zu stellen, und der immerhin ein großes Bedürfnis nach gesellschaftlichen Strukturen spürte - obwohl nach menschlicheren und flexibleren, als es die zu seiner Zeit bestehenden waren - daß er sich vornahm, gerade jenes Werk zu übersetzen, daß so vieles radikal in Frage stellte, von dessen Wert er überzeugt war.   Nicht als ob ich mich selber mit Goethe vergleichen möchte.   Obwohl ich soeben gerade das getan habe.

 

     Gerade während ich solchen Überlegungen nachhing, bemerkte ich plötzlich daß mein Gefährte zu weinen angefangen hatte.

 

       Man muß nicht Psychoanalytiker sein, um zu wissen, daß Tränen eine ausgezeichnete kathartische Prozedur darstellen - wenn man allein ist; wenn sie aber öffentlich fließen, können sie vielleicht das ganze Problem nur noch schlimmer machen.   Eine gehobene Augenbraue in Richtung Kellner genügte um ihm zu versichern, daß die ganze Rechnung bei meinem nächsten Besuch beglichen werden würde.   Also war ich imstande, meinen weinenden Gefährten mit der Erregung von möglichst wenig Aufmerksamkeit auf die Straße zu begleiten.   Zum Glück war der von mir gewählte Seitenweg, sowie die lange Stiege, über die wir mußten, um zur Berggasse zu gelangen, vollkommen menschenleer, da sie nicht die Hauptverkehrsader für die Früheinkäufer bildeten, - Köche, Domestiken, Mitglieder der Arbeiterklasse - die zum Markt hinwollten.

 

     Ich hatte meinen Arm um den jungen Mann geschlungen, dessen schmächtiger Körper von großen, herzzerreißenden Schluchzern geschüttelt wurde.    Es war das Einzige, was man als Mensch tun konnte, und er nahm es offensichtlich nicht anders.   Da er mit gebeugtem Kopf ging, sah er das Messingschild an meiner Tür überhaupt nicht, was in vielerlei Hinsicht von Vorteil war.   Wenn man nur mehr Konsultationen mit einem ähnlichen Mangel an Voreingenommenheit beginnen könnte - auf beiden Seiten, möchte ich allerdings hinzufügen.   Bemüht den Haushalt nicht aufzuwecken, führte ich ihn auf mein Ordinationszimmer, in der Gewißheit daß wir dort vor jeder Störung sicher sein würden, weil das eine unverbrüchliche Regel des Hauses war.

 

     Ohne jedes Zureden setzte er sich auf meine Couch nieder und nahm die gleiche Stellung an, wie früher auf der Bank, indem er starr vor sich mit jenen Augen hinschaute, die selbst die Tränen nicht getrübt hatten.   In einer gemessenen Stimme, die an Kraft zunahm, je mehr er ihrer Herr wurde, erzählte er mir sein Leben.   Fragen stellte ich keine.   Ich mußte auch nicht.   Höchst selten, daß man fragen muß.

 

      In einer österreichischen Kleinstadt an der deutschen Grenze geboren, hatte er seine frühen Jahre an verschiedenen Orten in Oberösterreich, zuletzt in Linz, verbracht, war dann vor zwei Jahren nach Wien gekommen, um Kunst zu studieren.   Seitdem war seine Mutter gestorben - er hatte Schuldgefühle, weil er nicht an ihrem Sterbebett gewesen war - und seine Bewerbungen waren von der Malschule und von der Architekturschule abgewiesen worden.   Obdachlos, mittellos und verkommen, ein Versager, der beide Eltern enttäuscht hatte, und da sie tot waren, diese Enttäuschung nie wieder gut machen konnte, fristete er jetzt  ein kümmerliches Dasein, indem er seine Kunst prostituierte.   Er zog aus seiner Tasche eine kleine Zeichnung, die er mir zeigte.   Sie besaß eine gewisse akribische Genauigkeit, die ich rührend fand - es war mir klar, daß der Mann ein sehr oberflächliches Talent, aber keine eigentliche Fähigkeit hatte: sie stellte  mit der sorgfältigsten Wiedergabe eines jeden steinernen Schnörkels den bekannten Stefansturm dar, der sich aus einer Pyramide von Seifenstücken erhob, wobei auch jedes einzelne Seifenstück aufs sorgfältigste gezeichnet worden war.   Offensichtlich war noch der Werbespruch einzutragen, aber selbst bei einem solchen alltäglichen Machwerk wollte der Künstler nicht anonym bleiben.   Klar und deutlich stand rechts unten der Name: A. Hitler.

 

     Hätte ich gewußt, was hätte ich getan?   Die Frage ist natürlich absurd, denn ich hätte nie mit genügender Gewißheit wissen können, um meine etwaigen Handlungen zu rechtfertigen.   Durch sein Schluchzen erschöpft hatte er sich auf die Couch zurückgelegt, die Beine hochgezogen, und war eingeschlafen.   Ein weiches Kissen hätte genügt.   Er wäre einfach nie wieder aufgewacht, von einem Wehrversuch keine Rede.   Ein Leichnam wäre natürlich zu besietigen gewesen, aber in Anbetracht meiner grundlegenden Anständigkeit und der Nähe eines Krankenhauses, das einen unersättlichen Bedarf an Seziersubjekten hatte, hätte sich ein solches Problem schon lösen lassen.   Nur daß es mir natürlich überhaupt nicht einfiel.   Wie sollte es mir einfallen, da ich ihn dort ruhig schlafen sah, indem die Spannung ausnahmsweise einmal aus seinem Körper entwichen war?   Aber indem ich zuschaute, wachte er auf, und sie schnappte zurück.   Er richtete sich sofort auf, wollte sich nicht mehr bloßlegen, nahm die Zeichnung wortlos zu sich und sprach dann wieder, nur diesmal mit weit mehr Selbstbewußtsein.

 

      Er sei sehr deprimiert gewesen, sagte er.   Er habe an Selbstmord gedacht.   Heute morgen hätte er vielleicht sogar - - - aber da sei ich vorbeigekommen und hätte mein Vertrauen in ihn gezeigt.   Es sei ein Vertrauen, das er, um die Wahrheit zu sprechen, verdiene.   Die jüdische Verschwörung, in deren Krallen die Bildungsanstalten sich befänden, habe sich zwar geweigert, seine Talente anzuerkennen, und der Kapitalismus habe ihn soweit gebracht, daß er sich müsse ausbeuten lassen, aber dauern werde es, könne es, dürfe es nicht, und bald würde er - und alle anderen seinesgleichen - frei sein, um sich zu rächen.

 

     Indem er redete, fing ich allmählich an, seine gefährliche Anziehungskraft zu verstehen.   Ich unterbrach ihn natürlich nicht, sondern ermutigte ihn leise, mit seinen Ressentiments gar nicht zurückzuhalten.   Als ob er solcher Ermutigung bedürftig gewesen wäre.   Zu diesem Zeitpunkt waren seine Pläne natürlich keineswegs spezifisch - es war aber deutlich, daß er allen außer sich selber die Schuld an seinen Mißerfolgen gab, und daß er diese Verantwortlichkeit den Betreffenden auf die abstrusesten und pervers erfinderischsten Weisen zuschrieb.   Ich war ein Zeuge von der grotesken Irrationalität des reinen Es, das von jeder höheren Funktion unangetastet blieb.   Der frustrierte Schöpfungsdrang verwandelte sich in die Lust am Zerstören, und alle hochklingenden Ideale wurden entlehnt und entstellt um eine falsche Rechtfertigung für Handlungen der allerletzten Obszönität abzugeben.   Es war, wie wenn man eine Bibel in Papierstreifen zerreißen würde, um ein Katzenklo damit auszukleiden.   Hier war die Philosophie des Mörders, der dem Opfer vorwirft, er habe ihn dadurch zum Mord provoziert, indem er sich gegen den Angriff nicht wehren wollte.

 

     Und hier ist die Philosophie des Opfers, das gezwungen ist, die Schuldgefühle zu haben, die der Mörder ablehnt.   Denn jemand muß ja schließlich die Schuld fühlen.

 

     Ich kann mich nicht mehr genau an das erinnern, was ich eigentlich sagte, aber ich glaube, daß der Inhalt war, daß seine Gefühle vollkommen natürlich seien, daß er selbstverständlich anerkennen müsse, daß er solche Gefühle habe, daß Verdrängung und Verleugnung diese Bitterkeit in ihm nur stärken könne, bis sie ihn eines Tages überwältigen würde.   Ich machte den  Standardvergleich mit der Geschwulst, die man aufschneiden müsse, damit der Eiter herausfließe.   Ich kann nur annehmen, daß er wiederum den Standardfehler machte, indem er glaubte, daß ich all das guthieße, dessen Anerkennung ich von ihm forderte.   Er wollte nicht verstehen, daß man es anerkennen muß, damit man es beherrschen kann.   Er verwechselte Schöpfung und Zerstörung.   Er verehrte abgöttisch die Urtriebe und sah nicht ein, daß sie kanalisiert werden müssen.   Und als er in späteren Jahren zu Millionen sprach, sprach er mit der Kraft, die aus einem vollkommenen Mangel an Hemmung entsteht.   Er log mit der Offenheit, die einem zu Gebote steht, wenn man als einzige Regel den eigenen Vorteil gelten läßt.   Und weil das, was er sagte, aus seinen Urtiefen kam, vermochte es zu den Urtiefen in seinen Zuhörern zu gehen, und ließ  auch sie zu geistlosen Kreaturen des Blutes werden, deren Intelligenz  ihren Instinkten blinden Dienst leistete, anstatt sich zu bemühen, besagte Instinkte zu verstehen, zu lenken und im Zaum zu halten.

 

     Was hätte ich tun sollen?   Hätte ich schreien sollen, 'Böse!   Böse!'   Wie hätte ich das machen können?   Ich hatte diese Sachen denkbar gemacht, weil es der einzige Weg war, uns davon zu befreien.   Er machte sie ausführbar.   Ich - stand auf der Seite der Zivilisation, ich half ihr, indem ich sie zur Anerkennung ihrer Probleme zwang.   Er aber unterdrückte den zweiten Teil meiner Boitschaft und nannte in seiner Dankbarkeit die Psychoanalyse eine jüdische Wissenschaft.

 

     Oscar Wilde hat sehr treffend bemerkt, daß alle Menschen das Geliebte töten.   Es ist zweifelsohne eine ähnliche Wahrnehmung der Ironie, die aus der Verwechslung von starken Leidenschaften entsteht, die viele Leute zu der Behauptung gebracht hat, Hitler selber habe jüdische Elemente an seinem Stammbaum.   Andererseits mag eine weniger komplizierte Motivation dahinter stecken - der Wunsch, die neue deutsche Religion zu lästern, ähnlich der in Kasernen oft wiederholten Beteuerung, Jesus sei schließlich der uneheliche Sohn eines römischen Soldaten.   Die Vorstellung eines privaten Nationalgottes, der seinem Volk die Länder anderer Stämme zuspricht, ist bei weitem keine rein jüdische Erfindung, obwohl die Tatsache, daß unsere heiligen Schriften das literarische Modell dafür gestellt haben, zu dieser weitverbreiteten Annahme geführt hat.

 

      Nein.   Die Leistung Herrn Hitlers besteht darin, daß er den verbietenden Vater durch einen alles erlaubenden Vater ersetzt hat.   Meine eigene Einschätzung der kurzen Zusammenkunft mit ihm zwingt mich nicht dazu, mich selbst in dieser Rolle zu sehen, aber, wie ich oft gezeigt habe, kann man nie wissen, was alles der menschliche Geist nicht imstande ist, aus der Wirklichkeit zu machen.

 

     Vielleicht ließe sich mein Einfluß besser durch eine kleine Sage beschreiben, die, wie ich höre, unter jenen Juden kursiert, die schon in KZ-Lager eingewiesen wurden, sowie unter denen, die noch darauf warten.   Dieser Legende zufolge sei Hitler überhaupt kein Mensch von Fleisch und Blut, sondern ein Golem, eine tönerne Figur, die durch ein Zauberwort oder eine Zauberformel lebendig gemacht wurde, die ein kluger aber offensichtlich schlecht beratener Student der Kabbala ihm unter die Zunge gelegt hat.   Hitlers methodische Verfolgung der Juden wäre demnach der Versuch seinerseits den eigenen Schöpfer gefangenzunehmen und ihm dadurch jede Gelegenheit zu nehmen, die Zauberworte zu entfernen, wodurch er ja wieder zu einer leblosen Tonfigur würde.

 

     Gibt es Zauberworte, die ich ihm aus dem Munde ziehen könnte?   Ich wüßte nicht, welche.   Ich sagte ihm nur das, was ich wußte und schon publiziert hatte.   Ich tröstete ihn nur in dem Maße, wie ich jeden Menschen getröstet hätte.   Suche ich da einen Fehler, wo keiner zu finden ist?   Der Judengott ist ein eifersüchtiger und grausamer Gott, dessen Urteile ganz eindeutig über sein Volk verhängt werden.   In einer Welt der Ungewißheit - geistiger sowie körperlicher Ungewißheit - bleibt jene besondere Böswilligkeit sicher.   Es mildert sie nur die menschliche Schlamperei oder die katzenartige neckende Quälerei, die das eine Opfer fahren läßt, um die anderen desto besser mit den Widerhaken gleichzeitiger Hoffnung und Verzweiflung zu foltern, die einen um die bequeme und trostreiche Ergebenheit in Schmerz und Unglück bringen.   Mein Verdienst bestand darin, die Gründe hinter dem  Verlangen der Menschen nach solcher blinden Autorität verstanden zu haben, ich hatte es relativiert und nicht abgeschafft.   Diese spätere Aufgabe bleibt anderen vorbehalten, die sich von jenem Bedürfnis nach Ordnung emanzipieren können, mit dem mein Leben  belastet gewesen ist, obwohl ich nicht sicher bin, daß irgendeiner von uns diejenigen als Menschen erkennen würde.

 

     Ich begleitete Herrn Hitler bis zur Haustür und ließ ihn kurz vor acht Uhr hinaus.   Er ging in weit besserer Laune weg, als er gekommen war.   Ich habe ihn seitdem in Person nicht gesehen.

 

     Man erzählt von dem Diener des Midas, des phrygischen Königs, den Apoll mit einem Paar Eselsohren bestrafte, weil er das falsche Urteil bei einem Gesangswettbewerb gegeben hatte, daß er es nicht mehr aushalten konnte, diese Tatsache geheimzuhalten, so daß er das Geheimnis in ein kleines Erdloch hineinflüsterte.   Im Herbst aber flüsterten die Strohhalme, indem sie sich im Wind aneinanderrieben, «Midas hat Eselsohren, Midas hat Eselsohren.«

 

     Sie werden sicher dabei sein, meine Motive zu analysieren - was könnte ich mehr von Ihnen erwarten? - sowohl diejenigen meiner damaligen Handlung, als auch die miener jetzigen Erzählung.   Zu meiner eigenen Verteidigung kann ich nur hervorbringen, daß es ja die einzige Konsultation war, die ich überhaupt mit dem betreffenden Herrn hatte, daß die Analyse in der Tat kaum begonnen hatte - dienenigen unter Ihnen, die mit solchen Angelegenheiten vertraut sind, mögen in seinem späteren Verhalten das typische frühe Ressentiment des Analysierten erkennen, obwohl selbst ich nicht soweit gehen würde, um in seinem Einmarsch in Österreich den Versuch zu sehen, bei mir irgendwelche Reaktion auszulösen.

 

     Einige von Ihnen werden unvermeidlich einen hohen Grad an Selbstanklage in meinem Verhalten sehen und nach dem Muster der Psychoanalyse, das von meinem Schüler Herrn Hitler eingeführt wurde, dies als einen typisch jüdischen Charakterzug abtun.   Ich kann Ihnen aber versichern, daß wir Juden es gar nicht nötig haben, uns selber zu hassen, es ist immer jemand anderer da, der es uns besorgen wird, gratis, und wenn es wirklich an allem fehlen sollte, dann  macht es natürlich unser eigener Herrgott.

 

      Die Tatsache, daß ich Herrn Hitler als meinen Schüler bezeichne, mag vielleicht auch etwas selbstanklägerisch anmuten, aber ich glaube, daß es ja eigentlich nicht mehr als die Wahrheit ist - na ja, sagen wir nicht mehr als eine Wahrheit.   Die Verantwortlichkeit, die Lehrer für ihre Schüler tragen können oder sollen, muß schließlich ihre Grenzen haben, und es wäre grundfalsch, wenn ich sagen würde, daß ich mit der Entwicklung von all denjenigen einverstanden bin, die ein weitaus legitimeres Recht auf jene Bezeichnung haben.   Vor dreißig Jahren sogar wurde mir ein Vorwurf gemacht, den ich wegen der eleganten und schmeichelhaften Formulierung als treffend und gutgemeint empfand.   Ich weiß nicht wieviele Kenntnisse der deutschen Literatur ich unter Ihnen voraussetzen kann - Sie werden offensichtlich nicht die gleiche Vertrautheit damit oder Verehrung dafür haben, die ich habe - aber es gibt ein Gedicht von Goethe, nach dem ein französisches Musikstück entstanden ist, L'apprenti sorcier, der Zauberlehrling.   In Abwsesenheit des Zauberers probiert der Lehrling die Zaubersprüche, die er nur zur Hälfte gelernt hat, mit katastrophalen Folgen, da er das Wort nicht weiß, das die Geister zum Stehen bringen soll.   Im Gedicht kommt der Zauberer gerade noch zeitgerecht zurück.   Diesem Zauberer bleibt ja nicht sehr viel Zeit zur Rückkehr.   Und es gibt ja leider so viele andere Möglichkeiten, meine Lehren zu verzerren und zu entstellen - so viele Möglichkeiten unmenschlich, inquisitorisch, chirurgisch und mechanistisch vorzugehen, weil ich gezeigt habe, genau wo die Sonde anzusetzen wäre - daß ich mir keine vernünftigen Selbstvorwürfe machen kann.

 

     Wenn Sie aber meine Enthüllung immer noch als eine Manifestation von Schuldgefühlen betrachten wollen, mag ich Ihnen vielleicht insofern rechtgeben, als Opfer - und ein Opfer bin ich ja nur im entferntesten Sinne - tatsächlich dazu neigen, an Schuldgefühlen zu leiden.   Dadurch läßt sich ja am besten das Geschehene erklären, indem man annimmt, daß es seine Ursache in den eigenen früheren Handlungen hat.   Dadurch gewinnt das Leiden einen  Zweck - es wird zu einem Lehrvorgang.   Wie Sie wohl einsehen werden, lehne ich diese Ansicht vollkommen ab.   Die Zusammenhänge sind allzu feingezogen, die Logik falsch.   Überzeugender wäre in meinem Fall die Annahme, daß das Opfer durch sein Leiden dazu gebracht wird, das Undenkbare zu denken, in sich selbst die Fähigkeit zu entdecken, das, was  er leidet, auch anderen anzutun.   Dieser Schock kann leicht einen Gestreßten dazu bringen, den Empfänger der Handlung mit dem Ausübenden zu verwechseln.   Daher fühlt das Opfer die Schuld, die der Täter fühlen sollte, aber tatsächlich nicht fühlt - und er fühlt die Schuld, nicht bloß weil in dieser Situation ein großer Bedarf an Bestrafung besteht, der ohne alle Rücksicht erfüllt werden muß, sondern eher aufgrund der engen Beziehungen zwischen dem Folterer und dem Gefolterten - wegen der Enthüllung all jener Ungeheuerlichkeiten, deren die Menschheit im allgemeinen leider fähig ist.   In diesem Sinne fühle ich mich verpflichtet, Herrn Hitler als meinen Lehrer zu bezeichnen und nicht bloß als meinen Schüler.

 

     Dies alles liegt natürlich in der Vergangenheit - eine reizende Gegend, oft weitaus angenehmer als die Gegenwart.   In der Vergangenheit zum Beispiel kann ich beliebig über die österreichischen Berge wandern, an ihnen hinauf- und herablaufen, und mich den reinsten Naturfreuden vollkommen ergeben.   In der Gegenwart liegt mir Hampstead Heath zu weit, oft auch der eigene Garten.

 

     Eine große Quelle des Trostes ist, daß die Vergangenheit nicht zu ändern ist.   Die Reue nutzt nichts.   Ein befreiender Gedanke.

 

     Eine andere große Quelle des Trostes ist, daß die Vergangenheit doch zu ändern ist.   Ich glaube kaum, daß Herr Hitler mir seine Fassung unserer Zusammenkunft aufzwingen wird, wenn er schon eine bewußte Erinnerung daran oder an ihre Bedeutung behält.   Daß sie dennoch da ist, in uns beiden, davon bin ich überzeugt - genauso wie eine Stadt - z.B. London, dem bisher die ärgsten Verwüstungen feindlicher Mächte erspart geblieben sind - in beinahe unsichtbarer Weise die Spuren ihrer früheren Entwicklung behält.

 

     Vielleicht der größte Schock, den ich anläßlich der jüngsten Ereignisse erlitten habe, war die Mitteilung, daß ich als Jude nicht mehr deutsch sein könne, daß ich mein Recht auf jede Beziehung zu der Kultur jener Sprache verwirkt hätte - ich sage Sprache und nicht Land, weil in diesem Zusammenhang politische Grenzen natürlich äußerst fließend und unverläßlich sind.   Hätte ich dieses Verbot ernstgenommen, wäre ich um  viele Freuden und Einsichten gebracht worden.   Es ist ein törichter Analytiker, der annimmt, daß alle Einsichten vom Patienten auf der Couch kommen.   Weitaus mehr lassen sich  gewinnen, wenn man sich selbst auf die gleiche Couch hinlegt und liest.

 

     Eine bestimmte Schillersche Ballade fällt mir wiederholt ein.   Sie handelt von einem jungen Pagen, der auf eine Wette des Königs eingeht und sich in einen Wasserstrudel hineinstürzt, um einen goldenen Becher heraufzuholen, den der König hineingeworfen hat.   Er überlebt und kommt wieder.   Man dürfte glauben, daß das Grauenhafte, dem er unten begegnet ist, und von dem er ausführlich erzählt, ausreichen würde, um ihn von einem zweiten Sprung in den Strudel abzuhalten, aber die Hand der Prinzessin, die ihm als Lohn versprochen wird, ist eine Versuchung, der er nicht widerstehen kann, und er wird nicht mehr gesehen.

 

     Seine Rede nach dem ersten erfolgreichen Tauchversuch hat seit jeher eine große Bedeutung für mich gehabt:

 

     Lang lebe der König!   Es freue sich,

     Wer da atmet im rosigten Licht!

     Da unten aber ist's fürchterlich,

     Und der Mensch versuche die Götter nicht

     Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,

     Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.

 

     Ich überlasse es Ihnen zu bedenken, mit wem ich mich identifiziere: dem König, dem Pagen oder dem Strudel.

 

     Mir scheint, daß ich lange genug geredet habe, daß ich genug Fäden von dem Gewebe meiner Ausführungen losgemacht habe, damit Sie das ganze aufziehen und es in Ihr jeweiliges Gewand einweben können - ob es sich dabei um ein Leintuch für ein Brautbett handelt, um ein Leichentuch, oder das immerwährende, endlos alles hinausschiebende Handwerk der Penelope.

 

     Meine Kräfte sind längst nicht mehr das, was sie waren, und daher muß ich zu meinem Schluß kommen, was wir Akademiker gerne am Ende unserer  kleinen Plaudereien tun, obwohl Sie vielleicht das Gefühl haben mögen, es sei schon irgendwo in der Mitte bereits geschehen.

 

     Zwei Punkte: zuerst, etwas Diagnostisches.   Adler - ein anderer ehemaliger Mitarbeiter von mir, der beträchtlich weniger Unheil angerichtet hat, als Herr Hitler - hat den Ausdruck «Minderwertigkeitskomplex« popularisiert, bis zu dem Grad, daß die Phrase in England als allgemeines Schimpfwort verwendet wird.   Es könnte wohl scheinen, als ob der Fall, den wir gerade besprochen haben, am besten durch eine solche Bezeichnung zu beschreiben wäre.   Aber wie ich schon früher gesagt habe, glaube ich, daß Adler in seinen psychischen Gleichungen einfach die Sexualität durch die Aggression ersetzen will, ohne sich überhaupt um die Quelle jener Aggression zu kümmern.   Freilich sehe  ich selber die Verlockung darin, zu sagen, daß Hitler vor seiner Begegnung mit mir sich für minderwertig hielt, aber nach dieser Begegnung mit mir genau gewußt hat, daß er überlegen sei.

 

     Und damit wäre eigentlich auch der zweite Punkt erreicht.   Es ist nicht Eitelkeit - weder was mich, noch was meine Methode betrifft - wenn ich Sie  zum Schlusse noch auf den Titel des gegenwärtigen Vortrags aufmerksam mache und Sie mit Schauder daran erinnere, daß ich von meinem erfolgreichsten Fall gesprochen habe.

 

 

 

Übersetzt am 15. und 16. September 1989

Mike Rogers